Kritikwelle im Netz : Volkssport Gauck-Bashing

Was Joachim Gauck einst sagte, wird dieser Tage wieder aktuell. Ob Sarrazin, Occupy, Hartz-IV oder Vorratsdatenspeicherung - frühere Äußerungen des designierten Bundespräsidenten erhitzen die Gemüter. Ein zweiter Blick kann helfen.

Marc Kalpidis
Als Kandidat für das Bundespräsidentenamt wird Joachim Gauck von allen Seiten beleuchtet
Als Kandidat für das Bundespräsidentenamt wird Joachim Gauck von allen Seiten beleuchtetFoto: dpa

Kaum ist er nominiert, schon steht er in der Kritik. Am Tag danach sind es zuvorderst jene Parteien, die an der Nominierung Joachim Gaucks für das Bundespräsidentenamt unbeteiligt waren, die nun nach Gründen suchen, warum sie ihn nicht mittragen können. Die Piraten werfen ihm vor, für die Vorratsdatenspeicherung einzutreten. Die Linke, dass er Hartz-IV und Raubtier-Kapitalismus gut finde. Und selbst Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele fragt sich in der "Frankfurter Rundschau", wie Gauck angesichts der allgemeinen Klage gegen Übermacht und Machtmissbrauch des Finanzsystems "den Protest dagegen auf der Straße ,unsäglich albern’ nennen" könne.

Schon vor den gewohnten politischen Reflexen hat in der Online-Welt die Debatte über Gaucks Eignung zum höchsten Mann im Staate eine beeindruckende Eigendynamik entwickelt. Als Katalysator dienen dabei vor allem ältere Zitate Gaucks, die in Zeitungsinterviews nachzulesen und seit längerem weit verbreitet sind - nun aber wie von Geisterhand zu neuem Leben erwachen. Sie zeichnen das Bild eines herzlosen Neoliberalen, ohne Herz für die Schwächsten der Gesellschaft und Verständnis für die Tücken der Vorratsdatenspeicherung.

Nach der Nominierung Gaucks wurden seine teils uralten Zitate und Satzfragmente über die Vervielfältigungsschleifen von Twitter, Facebook und Co. blitzschnell verbreitet, mitunter gerieten Dichtung und Wahrheit dabei ein wenig durcheinander. Blogger wie Sascha Lobo, Anatol Stefanowitsch oder Patrick Breitenbach recherchierten anschließend minutiös den Weg der Worte und verfolgten sie zu ihrem Ursprung zurück - ein Lehrstück über korrektes Zitieren, aber auch über die Selbstreinigungskraft des Internets. Was wurde also wirklich gesagt?

Joachim Gauck: Der Freiheitskämpfer
19.02.2012: Joachim Gauck wird erneut zum Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten. Anders als vor zwei Jahren, als der ehemalige DDR-Bürgerrechtler und evangelischer Pastor in der Bundesversammlung Christian Wulff unterlag, kann er am 18. März mit der Unterstützung von Regierung und Opposition rechnen.Weitere Bilder anzeigen
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20.02.2012 21:1619.02.2012: Joachim Gauck wird erneut zum Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten. Anders als vor zwei Jahren, als der...

Nun, da war zum Beispiel jene Einlassung über den ehemaligen Berliner Finanzsenator und Autor des umstrittenen Sachbuches "Deutschland schafft sich ab", Thilo Sarrazin. Ihm attestierte Gauck Ende 2010 im Tagesspiegel-Interview, "Mut bewiesen" zu haben. Allerdings bezog er sich damit nicht auf Sarrazins krude Thesen, sondern vielmehr auf den Willen, das Tabuthema misslungene Integration überhaupt öffentlich zu diskutieren. "Er hat über ein Problem, das in der Gesellschaft besteht, offener gesprochen als die Politik", urteilte Gauck seinerzeit. Ungeachtet des populistischen Inhalts könne die politische Klasse aus dem Erfolg von Sarrazins Buch lernen, dass "ihre Sprache der politischen Korrektheit bei den Menschen das Gefühl weckt, dass die wirklichen Probleme verschleiert werden sollen".

Dass Gauck keineswegs die rassistischen und antisemitischen Argumentationsstränge Sarrazins befürwortet, hatte der Pastor zuvor schon in einem Gespräch mit Sueddeutsche.de offenbart. Das Integrationsproblem in Deutschland bestehe eben "nicht darin, dass es Ausländer oder Muslime gibt - sondern die Abgehängten dieser Gesellschaft". Deshalb riet Gauck dazu, "genauer zu differenzieren und nicht mit einem einzigen biologischen Schlüssel alles erklären zu wollen" - also genau das zu vermeiden, womit Sarrazin sich selbst gründlich diskreditierte. Anderseits nahm Gauck den berüchtigten Polemiker zugleich mit einer fragwürdigen Behauptung in Schutz: "Zu solchen Debatten" gehöre nun einmal "die Zuspitzung und auch die populistische Übertreibung".

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