Kükenschreddern und Glyphosat : Wenn Essen zu billig ist

Die Bauern sind gefangen in einem System, das sie zu Tätern und Opfern zugleich macht: Je billiger Lebensmittel sind, je mehr produziert wird, desto schlechter geht es Tieren und Umwelt. So kann es nicht weitergehen. Ein Kommentar.

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Männliche Küken dürfen laut einem Urteil des Oberverwaltungsgericht Münster weiterhin von der Agrarindustrie getötet werden. Foto: dpa
Männliche Küken dürfen laut einem Urteil des Oberverwaltungsgericht Münster weiterhin von der Agrarindustrie getötet werden.Foto: dpa

Schauen wir doch einfach mal ins Grundgesetz: „Jeder hat das Recht auf körperliche Unversehrtheit“, heißt es dort in Artikel zwei. Und Artikel 20a verpflichtet Gesetzgeber, Behörden und Gerichte, die Tiere zu schützen.

Wie passt das, was unsere Verfassung sagt, zu dem, was in dieser Woche geschehen ist? Die Europäische Union vertagt die Entscheidung über eine erneute Zulassung des Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat. Die nordrhein-westfälische Regierung scheitert mit ihrem Versuch, das Töten männlicher Eintagsküken per Gericht zu stoppen. Glyphosat steht in dem Verdacht, Krebs zu erregen. Das Schreddern und Vergasen der kleinen Hähnchen geht weiter. Die Empörung ist groß. Sie trifft die Politik, die Richter und die Bauern. Sind die deutschen Landwirte Tiermörder und Giftmischer, die unsere Verfassung missachten, weil ihnen der Gewinn wichtiger ist als das Wohl der Lebewesen?

Ganz so einfach liegen die Dinge nicht. Denn die Bauern sind gefangen in einem System, das sie zu Tätern und Opfern zugleich macht. Je billiger Lebensmittel sind, je mehr produziert wird, desto schlechter geht es den Tieren und der Umwelt. Pestizide sorgen für höhere Erträge, Glyphosat hilft. Wobei die Aufregung hier eher politische Gründe hat. Zwar ist das Mittel krebserregend, aber wohl nicht in den Dosen, die in der Landwirtschaft eingesetzt werden. Dass sich die SPD dennoch bei diesem Thema verkämpft und Front gegen den Bundesagrarminister und die Kanzlerin macht, liegt weniger am Verbraucherschutz, sondern mehr an dem Wunsch, sich angesichts der miesen Umfragewerte zu profilieren.

Das Töten von jährlich 50 Millionen Küken ist ein wirklicher Skandal

Dass jedes Jahr 50 Millionen männliche Küken getötet werden, weil sie für die Legebatterien wertlos sind, ist dagegen ein wirklicher Skandal. Sie sind der Kollateralschaden einer hochindustrialisierten und -spezialisierten Branche, die allein auf Verwertbarkeit setzt. Kleine Hähnchen müssen sterben, weil sie das falsche Geschlecht haben. Das ist empörend. Aber noch empörender ist das Leben, das vielen der Überlebenden winkt. Eingesperrt auf engstem Raum, mit hohem Einsatz von Antibiotika, ist ihr kurzes Leben oft eine Qual. Acht bis zwölf Jahre kann ein Huhn werden, ein Masthühnchen erlebt aber gerade einmal 40 Tage, eine Legehenne 20 Monate.

Immer größer, immer effektiver, immer unmenschlicher. Darunter leiden nicht nur die Nutztiere und die Umwelt, sondern auch die Bauern selbst. Milch kostet weniger als Mineralwasser, die Schweinepreise sind im Keller. Die Konkurrenz ist enorm, das macht nationale Reformen schwierig. Wenn das Kükentöten in Deutschland verboten wird, kommen die Küken aus Holland. Nach dem Verbot der Käfighaltung haben Farmen in Osteuropa Käfigeier an deutsche Kunden geliefert. Und sollten sich die EU und die USA doch noch auf TTIP verständigen, werden billige US-Importe den Druck auf die europäischen Bauern erhöhen.

Weiter so kann nicht die Antwort sein. Qualität statt Quantität, höhere Preise für Bauern, die ihre Tiere besser halten – nur mit diesem Ansatz kann die Agrarwende funktionieren. Mehr Geld für Landwirte, die ihre Kühe auf die Weide lassen und Schweinen Spielzeug in den Stall stellen, ein paar Cent mehr fürs Ei, um das Kükentöten zu verhindern – alles das würde helfen. In der Verantwortung sind alle: die Politiker, die Bauern und jeder von uns.

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