Kundus : Bundeswehr unterstützt Afghanen gegen Taliban

Die nordafghanische Stadt Kundus ist auch ein Symbol für den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan. Jetzt ist sie wieder vor Ort. Die Taliban feiern trotzdem einen Propagandaerfolg.

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Spuren der Kämpfe. Ein Soldat sichert eine Straße in Kundus. Foto: Reuters
Spuren der Kämpfe. Ein Soldat sichert eine Straße in Kundus. Foto: ReutersFoto: Reuters

Ein Trupp der Bundeswehr aus Masar-i-Scharif ist am Donnerstag erneut nach Kundus geflogen, um die afghanischen Truppen im Kampf gegen die Taliban zu beraten. In die Gefechte selbst greifen sie aber nicht ein, sagte ein Sprecher des Einsatzführungskommandos dem Tagesspiegel. Bereits am Dienstag waren elf deutsche Soldaten mit drei Bundeswehrhubschraubern und gemeinsam mit anderen Nato-Soldaten nach Kundus geflogen, um die Lage zu erkunden und die Afghanen bei ihrer Gegenoffensive zu beraten. Die Provinzhauptstadt war am Montag von den Taliban eingenommen worden. Inzwischen haben die Streitkräfte wieder die Oberhand gewonnen. Die Deutschen treffen die afghanischen Kommandeure im Gebiet am Flughafen, wo sich auch Stützpunkte der afghanischen Armee befinden, darunter das ehemalige deutsche Feldlager.

Kundus gehörte bis Herbst 2013 zum deutschen Kommandogebiet im Rahmen des Nato-Kampfeinsatzes in Afghanistan. Seit dem Ende dieses Einsatzes unterstützt die Nato nur noch die Ausbildung der afghanischen Streitkräfte. Derzeit sind 700 deutsche Soldaten im Rahmen dieser Mission (Resolute Support) in Masar-i-Scharif stationiert. Weitere Soldaten betreiben den deutschen Umladestützpunkt in Usbekistan.

Die USA, die sich ebenfalls an Resolute Support beteiligen, haben zusätzlich Spezialeinheiten in Afghanistan im Einsatz, die gemeinsam mit den Afghanen gegen die Taliban vorgehen. Auch in Kundus waren US-Soldaten in Kämpfe verwickelt. Spekulationen darüber, dass sich auch Soldaten des Kommandos Spezialkräfte (KSK) in Kundus aufhalten, wollte das Einsatzführungskommando der Bundeswehr nicht kommentieren. Einsätze der KSK unterliegen generell der Geheimhaltung.

Militärisch brachten offenbar erst afghanische Spezialeinheiten die Wende. Nach fast viertägigen Kämpfen haben Regierungstruppen am Donnerstag das Zentrum von Kundus und weite Teile der Stadt von den Taliban zurückerobert. Allerdings dauerten die Gefechte in den Außenbezirken noch an. Die Islamisten sollen sich verschanzt und Straßen vermint haben. Örtliche Behörden sprachen von 50 Toten und mehr als 300 verletzten Zivilisten seit Montag.

Zwei Jahre nach dem Abzug der Bundeswehr aus Kundus hatten die Taliban die Stadt am Montag überrannt. Die Regierungstruppen wurden bei ihrer Gegenoffensive von US-Kampffliegern unterstützt. "Es gab schwere Luftschläge in der Nacht. Die Taliban sind dann geflohen“, sagte Abdul Qadir Anwari, ein Bürger der Stadt, Reuters. Die Taliban behaupteten, dass sich auch ausländische Truppen an den Kämpfen am Boden beteiligten. Ein Nato-Team war in die 300 000-Einwohner-Stadt Kundus geflogen, um, so hieß es, die Regierungstruppen zu beraten.

Auch wenn sich die Angaben bestätigen und die Regierung Kundus komplett zurückgewinnt, bleibt die Einnahme der Provinzhauptstadt ein Propagandasieg für die Taliban – und ein Wendepunkt: Der Sturm repräsentiere eine beispiellose Veränderung in der Kriegsführung der Taliban hin zum Städtekampf als neuer Taktik, schreibt Borhan Osman vom Afghanistan Analyst Network (AAN). Es sei unwahrscheinlich, dass die Bürger ihr Vertrauen in Regierung und Militär zurückgewinnen würden, vom Staat geschützt werden zu können.

Die Einnahme der Stadt ist auch ein persönlicher Triumph für den neuen Talibanchef Mullah Achtar Mansur. Mit der Attacke auf Kundus hat er seine Autorität gefestigt und nicht nur strategisch, sondern auch politisch das Heft in die Hand genommen. In seltener Deutlichkeit wies der neue Talibanführer seine Kämpfer an, "das Leben, Eigentum und die Ehre der respektierten Bürger von Kundus zu schützen". Selbst bisherigen "Feinden" versicherte er, man denke nicht an Rache.

Mansur versucht offenbar, Sympathien zu gewinnen und den Afghanen zumindest teilweise die Angst vor einer Rückkehr der Taliban an die Macht zu nehmen. In seiner Eid-Ansprache hatte er auch Friedensgespräche angesprochen. Ob sich die Taliban an die Regeln ihres neuen Chefs halten, ist eine andere Frage. Die Berichte gehen weit auseinander. Sicher scheint, dass Büros von UN, Hilfsorganisationen, Regierung und Polizei geplündert wurden. Doch die hatte Mansur ohnehin weniger gemeint. Ihm geht es um die Afghanen.

So berichtete der Arzt Abdul Ahad vor zwei Tagen aus dem zentralen Krankenhaus verblüfft: "Die Taliban benehmen sich sehr gut, vor allem gegenüber Doktoren. Sie könnten die Herzen gewinnen, wenn sie länger bleiben." Andere Berichte besagen, dass Taliban Kriminelle, die das Chaos in der Stadt nutzen, um zu stehlen und zu plündern, umgehend nach Scharia-Recht aburteilten. Doch es war auch von toten Zivilisten die Rede. Ob diese im Kreuzfeuer umkamen oder von den Militanten getötet wurden, blieb zunächst unklar.

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