"La Grande Nation" : Wie wichtig ist Frankreich noch?

Am Sonntag fällt im Nachbarland eine Vorentscheidung bei der Präsidentschaftswahl. Der Sieger steht an der Spitze eines Staates, der vieles ist: Atommacht, Kulturnation, Deutschlands wichtigster Partner in Europa – und zutiefst verunsichert.

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Auf die Barrikaden. Eugène Delacroix hat die Erinnerung an die Juli-Revolution von 1830 verewigt, mit der die Pariser Bevölkerung die Rückkehr des Adels an die Macht verhinderte.
Auf die Barrikaden. Eugène Delacroix hat die Erinnerung an die Juli-Revolution von 1830 verewigt, mit der die Pariser Bevölkerung...Foto: akg-images / Erich Lessing

Der Kandidat blickt in ein Fahnenmeer. Die Anhänger schwenken rote, weiße und gelbe Flaggen – und auch die Trikolore darf nicht fehlen. François Hollande, der gute Chancen hat, Frankreichs nächster Präsident zu werden, fängt seine Rede mit dem pompösen Satz an, er sei gekommen, um „von Frankreich zu erzählen“.

Mit diesen Worten begann vor genau drei Monaten in einem Hangar von Le Bourget bei Paris die Wahlkampagne des sozialistischen Präsidentschaftskandidaten Hollande. Es ist kein Zufall, dass er bei seiner Rede in der Flugzeughalle von Frankreichs Werten sprach, seinen Prinzipien, seiner Kultur, seiner Sprache. Wer auf der anderen Seite des Rheins zum Präsidenten gewählt werden will, muss an den Nationalstolz der Franzosen appellieren. Auch Staatschef Nicolas Sarkozy, der auf der Pariser Place de la Concorde vor einer Woche in den Wahlkampfendspurt ging, nannte das Meeting gleich eine „Versammlung für ein starkes Frankreich“. Darunter geht es in der „Grande Nation“, die zwar nicht gerne so genannt werden will, in der aber ein bisschen Grandeur nie schaden kann, einfach nicht.

Wenn an diesem Sonntag bei der ersten Runde der Präsidentschaftswahl schon einmal eine Vorentscheidung fällt, dann ist das ein bisschen so, als wenn sich unser Nachbarland auf die Couch legt. Denn Frankreich ist nicht nur eine Nation, die sich Größe wünscht, sondern auch permanent an sich selbst zweifelt. Das Nachbarland, nach Deutschland die zweitgrößte Volkswirtschaft in Europa, ist nicht nur Atommacht, sondern auch Erbin des revolutionären Wahlspruchs Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Eigentlich haben die Franzosen viele Trümpfe auf der Hand – und trotzdem sind sie permanent von der Angst geplagt, ihren Platz in der Welt nicht mehr zu finden und die Globalisierung nicht mehr entscheidend mitprägen zu können. Manchmal macht sich Frankreichs zerrissene Volksseele mit Protest Luft – häufig auch bei der ersten Runde von Präsidentschaftswahlen. Wie steht es wirklich um Frankreichs Rang in der Welt?

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