Länderspiel-Absage wegen Terrorwarnung : Wie gefährlich war und ist es in Hannover?

Auch eine Woche nach der Absage des Länderspiels ist unklar, ob Terroristen tatsächlich Hannover zum Ziel hatten. Die Bundesanwaltschaft ermittelt in verschiedene Richtungen.

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Polizei-Absperrband vor der HDI-Arena in Hannover.
Polizei-Absperrband vor der HDI-Arena in Hannover.Foto: dpa

Der Schrecken scheint nachzulassen, doch die Bedrohung bleibt möglicherweise. Oder auch nicht. Mehrere Tage nach der Absage des Länderspiels in Hannover ist unklar, ob tatsächlich der Angriff einer Terrorgruppe drohte oder ob diese doch eher ein Phantom sein könnte. Die „Lage“ bestehe weiter, heißt es in Sicherheitskreisen. Außerdem hat die Bundesanwaltschaft das Verfahren der Staatsanwaltschaft Hannover übernommen. Ermittelt wird wegen des „Anfangsverdachts der Bildung einer terroristischen Vereinigung und der Vorbereitung einer Sprengstoffexplosion“. In Hannover selbst, sagen Sicherheitsexperten, habe die Anspannung bei den Behörden nachgelassen. Festnahmen gab es bislang nicht, es wurde auch kein Sprengstoff gefunden. Aber es wird betont, das Bedrohungsszenario sei am Dienstagabend „so konkret“ gewesen, dass die Absage des Länderspiels Deutschland – Niederlande unausweichlich war.

Wie sah das Szenario aus? Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) erhielt Dienstag am späten Nachmittag ein Schreiben eines französischen Nachrichtendienstes. In dem Papier wurde in englischer Sprache der Hinweis eines V-Mannes ausgebreitet. Ein Trupp von fünf Terroristen, darunter eine Frau, wolle in Hannover zuschlagen, stand da. Über ein Fahrzeug mit Zugangsberechtigung zum Stadiongelände solle Sprengstoff hereingeschmuggelt werden. In der HDI-Arena seien drei Explosionen geplant, eine weitere an einer Bushaltestelle in der Umgebung. Später solle die Frau mit einem Zug zu einem Bahnhof fahren, einen Sprengsatz hinterlassen und wieder mit einem Zug verschwinden. Die Bombe solle sieben Stunden nach dem Angriff auf das Stadion detonieren, hatte der V-Mann dem französischen Nachrichtendienst mitgeteilt. Die Frau würde den Sprengsatz aus der Ferne zünden. Und Anführer des Kommandos sei ein Mann mit deutschem Pass.

Das Bundesinnenministerium und die Behörden in Niedersachsen waren hochgradig alarmiert. Der Spitzel hatte auch den Namen eines der mutmaßlichen Terroristen genannt, „Faiz A.“ Polizei und Verfassungsschutz versuchten, eine Person dieses Namens ausfindig zu machen. Vergebens. Doch die Sorge vor einer Serie von Explosionen blieb.

"Gefährdungsmeile" in Hannover

Der aus Berlin einfliegende Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) und sein niedersächsischer Amtskollege Boris Pistorius (SPD) telefonierten mehrmals und entschieden: Spiel absagen. Um 19.14 Uhr teilte die Polizei den zum Stadion strömenden Fußballfans mit, sie müssten wieder nach Hause gehen. Und Hannover Polizeipräsident Volker Kluwe meldete sich im  Kulturzentrum „Pavillon“, es ist nicht weit vom Hauptbahnhof entfernt. Dieser und die Umgebung seien im Hinweis des französischen Nachrichtendienstes gemeint, eine Frau werde einen Sprengsatz an einem Bahnhof zünden, vermutete die Polizei.

 So fiel das Konzert des Saxophonisten Maceo Parker aus. Ebenso die Lesung von Helge Schneider in einer Buchhandlung. Auch diese habe sich „in der Gefährdungsmeile“ befunden, sagen Sicherheitsexperten. Das Konzert der „Söhne Mannheims“ in der Tui-Arena hingegen konnte stattfinden. Die Halle befindet sich auf dem Expo-Gelände, immerhin 20 Minuten Autofahrt vom Hauptbahnhof entfernt.

Die Polizei habe an dem Abend der Bevölkerung keine Details zu den befürchten Terrorangriff genannt, „um deeskalierend zu wirken“, sagen Experten. Einer Massenpanik, vor allem unter den Fußballfans am Stadion, sollte vorgebeugt werden. De Maizière und Pistorius hatten das auch im Kopf, als sie gegen 21.30 Uhr eher kryptisch über die Bedrohung sprachen. Die beiden Minister wollten zudem vermeiden, die hektische Suche der Behörden nach der vermuteten Terrorgruppe zu behindern. Die Erwähnung von Details hätten die mutmaßlichen Attentäter warnen können. Und die Polizei ging jedem Verdacht nach, mochte er noch so vage sein. In Hildesheim wurden am Abend mehrere Personen in Gewahrsam genommen, allerdings nur kurz.

Jedes Indiz wird für plausibel gehalten

 Doch plötzlich schien sich der Terrorverdacht zu bestätigen, als die Polizei am Hauptbahnhof aus einem Intercity ein verdächtiges Paket holte. Es wurde geröntgt, die Beamten sahen Kabel und andere elektronische Bauteile. Schnell war von einer Bombenattrappe die Rede, zumal der Besitzer angeblich geflüchtet war. Doch inzwischen steht fest: der Mann, ein Ingenieur, hatte beim Umsteigen in einen anderen Zug das Paket vergessen. Der Inhalt war harmlos.

Bis heute hat die Polizei in Hannover keinen Sprengstoff gefunden. Es gibt auch keine Festnahmen und keine Razzien. Andererseits zeigt die Übernahme der Ermittlungen durch die Bundesanwaltschaft, dass der konkrete Hinweis aus Frankreich weiterhin ernst genommen wird. „Wir wissen nicht, ob der IS in Hannover tätig werden wollte“, sagt ein Sicherheitsexperte. Ein anderer sagt, „möglicherweise ist die Terrorgruppe noch unterwegs“. Ein dritter will hingegen nicht ausschließen, „dass das alles eine Ente war“. Doch in der Woche nach den verheerenden Anschlägen in Paris wird jedes Indiz für potenziell plausibel gehalten.

Für die Bundesanwaltschaft ist der Fall Hannover bereits das vierte Verfahren im Zusammenhang mit „Paris“. Ermittelt wird auch, weil im sauerländischen Arnsberg ein algerischer Asylbewerber Anschläge in Paris angekündigt haben soll - in der Woche vor dem Terrorangriff. Der Mann sitzt in Untersuchungshaft. Ein weiteres Verfahren richtet sich gegen einen Deutschen mit arabischen Wurzeln, der in Cuxhaven kurz nach den Anschlägen Sympathie für die Terrormiliz „Islamischer Staat“ geäußert haben soll. Der Mann ist aber auf freiem Fuß. Außerdem hat die Bundesanwaltschaft automatisch Ermittlungen eingeleitet, als bekannt wurde, dass bei dem Angriff in Paris auch zwei Deutsche getötet wurden.

Nicht übernommen hat die Anklagebehörde hingegen die Ermittlungen gegen einen mutmaßlich aus Montenegro stammenden Mann, den die Polizei an der Autobahn Salzburg – München vor dem Angriff in Paris festgenommen hatte. Im  Wagen des Mannes entdeckten die Beamten ein Versteck mit Sturmgewehren, Handgranaten und Sprengstoff. In Navi und Handy des Festgenommen fanden sich Hinweise auf eine geplante Fahrt nach Paris. Doch dieses Verfahren führt erstmal weiterhin die Staatsanwaltschaft München. Derzeit, so scheint es, gehen die Ermittler eher davon aus, der Mann sei ein Waffenschmuggler aus dem Milieu der organisierten Kriminalität.

 

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