Landesweit Zugänge gesperrt : Syrien verschwindet aus dem Internet

In einem verzweifelten Versuch die Rebellen zu schwächen, hat die syrische Regierung offenbar die Zugänge zum Internet gesperrt. Das Land ist komplett vom Netz. Präsident Assad bereitet offenbar eine entscheidende Schlacht vor.

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Ein syrischer Aktivist blogt über den Konflikt in Syrien. Die Regierung hat das Internet mittlerweile abgestellt. Foto: AFP
Ein syrischer Aktivist blogt über den Konflikt in Syrien. Die Regierung hat das Internet mittlerweile abgestellt.Foto: AFP

Syrien hat nach Erkenntnissen von zwei US-Netzwerkfirmen landesweit den Zugang zum Internet gesperrt. Das wurde auch in Syrien von Oppositionellen bestätigt, die über Satellitentelefon erreicht werden konnten. Das US-Unternehmen Renesys, das Netzwerkstörungen protokolliert, berichtete, Syrien sei um 12.26 Uhr (Ortszeit) aus dem Internet verschwunden. Auch die Firma Akamai Technologies erklärte, Syrien sei nicht mehr erreichbar. In Teilen Syriens wurde immer mal wieder während des seit 20 Monaten andauernden Aufstands gegen Präsident Baschar al Assad das Internet abgeschaltet. Es war aber das erste Mal, dass das landesweit geschieht.

Unterdessen gingen auch die Kämpfe im Land ungewöhnlich heftig weiter. Rebellen haben die Verbindungen zum Flughafen von Damaskus gekappt. Die Straße zu dem wenige Kilometer außerhalb der Hauptstadt liegenden Airport wurde am Donnerstag wegen der Kämpfe gesperrt, die Fluglinien Emirates und EgyptAir strichen Flüge in die Metropole.

Das österreichische Verteidigungsministerium teilte mit, dass ein Konvoi mit 170 österreichischen UN-Soldaten nahe Damaskus unter Beschuss gekommen war. Die Soldaten wurden nicht lebensgefährlich verletzt, hieß es. Es sei nicht bekannt, ob die Schüsse von Regierungstruppen oder Rebellen abgefeuert wurden, sagte Ministeriumssprecher Michael Bauer. Der Konvoi war auf dem Weg zum Flughafen in Damaskus. Die Soldaten sind Teil der UN-Truppen, die auf den Golan-Höhen die Waffenstillstandslinie zwischen Syrien und Israel überwachen.

Nach Angaben von Aufständischen waren die Kämpfe an der Flughafenstraße in diesem Gebiet heftiger als je zuvor. Der Sprecher des Militärrates der Rebellen in Damaskus, Nabil al-Amir, sagte: “Es gibt keine Zusammenstöße direkt am Flughafen. Die Kämpfe finden in drei bis vier Kilometern Entfernung statt.“ Seinen Angaben nach haben die Milizen viele Seitenstraßen unter ihre Kontrolle gebracht. Ein hochrangiger Mitarbeiter der Europäischen Union erklärte, Präsident Baschar al-Assad bereite offenbar eine entscheidende Schlacht in der Umgebung von Damaskus vor.

Das würde auch erklären, warum offenbar große Teile der Kommunikationsmöglichkeiten gesperrt wurden. Doch mit dieser Taktik waren zuvor schon andere Diktatoren während des arabischen Frühlings gescheitert.

Auch der ehemalige ägyptische Diktator Hosni Mubarak hatte kurz vor seinem Sturz im Februar 2011 versucht, Oppositionelle Kräfte mit der Abschaltung des Internet zu schwächen. Das Regime ließ damals die ägyptischen Einwohner weder Twitter, Facebook noch Google nutzen. Später fielen auch SMS- und Blackberry-Dienste unter das Verbot und die Sperre. Darüber hinaus kappte die ägyptische Regierung den Großteil der Internetverbindungen ins Ausland. So sollten sämtliche nicht unter Regierungskontrolle stehende Kommunikations-Möglichkeiten eingedämmt werden.

Damals ging der Zensurversuch nach hinten los. Nachdem fast alle technischen Kommunikationsmöglichkeiten gesperrt waren, verlagerte sich der Protest umso mehr auf die Straße und führte schließlich zum Rücktritt des damaligen Präsidenten Mubarak. Mit Syrien ist die Situation aber nur bedingt vergleichbar. Dort herrscht Bürgerkrieg. Zwar forderte auch die Revolution in Ägypten hunderte Todesopfer. Einen offenen Krieg zwischen Militär und Bevölkerung, wie in Syrien, gab es dort jedoch nie.

In Tunesien, wo der arabische Frühling seinen Anfang genommen hatte, war zunächst auch erfolglos versucht worden, Machthaber Zine el-Abidine Ben Ali mit Netzsperren an der Macht zu halten. Dort hatten sich Oppositionelle über Twitter und Facebook organisiert.

Die sozialen Netzwerke waren zwar prinzipiell erreichbar, Themen die mit der Revolution zu tun hatten, wurden aber zensiert. Videoportale wie Youtube und viel internationale Nachrichtenportale waren vollständig geblockt. Im Januar 2011 musste Ben Ali schließlich dennoch fluchtartig das Land verlassen.

(mit dpa/Reuters)

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