Lebensmittelvorräte für den Krisenfall : Wie es andere Länder machen

Das deutsche Konzept der Bevorratung mit Lebensmitteln für den Krisenfall steht in der Kritik des Bundesrechnunghofs. Wie machen das andere Länder?

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Frankreich und Italien haben solche Vorratslager schon lange nicht mehr. Und auch andere Staaten scheinen längst nicht solch ein ausgeprägtes Sicherheitsbedürfnis zu haben wie Deutschland. Nachfragen des Bundeslandwirtschaftsministeriums in ausgewählten EU-Staaten ergaben, dass nur in zwei Ländern, nämlich in Ungarn und Tschechien, eine staatliche Bevorratung betrieben wird. Selbst wenn man voraussetzt, dass nicht alle Länder antworteten oder sich andere nicht in ihre strategischen Karten sehen lassen wollen, lässt der Befund den Schluss zu: Das Vorsorgeverständnis in Deutschland ist europäische Spitze.

In Großbritannien etwa hält man die Lagerung von Lebensmitteln für eine Bevölkerung von 65 Millionen nicht für ein realistisches Szenario. „Wenn es geheime Lebensmittellager gibt, sind sie so geheim, dass ich nichts davon weiß“, sagte der Sprecher des Umwelt- und Landwirtschaftsministeriums, das für Nahrungsmittelsicherheit verantwortlich ist. Man sorgt sich dort aber mehr um die Schwierigkeiten, die wachsende Weltbevölkerung zu ernähren, als um Krisenszenarien im eigenen Land. Bei Notfällen setzen die Briten auf „BCM“ oder Business-Continuity-Management-Pläne, die ständig mit dem Einzelhandel, den großen Supermarktketten und Nahrungsmittelherstellern aktualisiert und diskutiert würden.

„Großbritannien ist eines der am besten vernetzten Länder, offene Handelsrouten und eine Vielzahl von Lieferanten im In- und Ausland sind unsere beste Sicherheit“, so das Ministerium. Allerdings haben Untersuchungen darauf hingewiesen, dass bei den üblichen „Just in time“-Lieferungen keine großen Vorräte in den Supermärkten vorhanden sind. Die Notfallgesetzgebung des „Civil Contingency Acts 2004“ gibt Behörden die Handhabe, im Notfall Lebensmittel zu rationieren, Panikkäufe zu verhindern oder die Ausgabe an bestimmte Personengruppen zur Priorität zu machen.

Ausgerechnet die neutrale Schweiz wappnet sich dagegen gewissenhaft für den Ernstfall: Sollte der wehrhafte Kleinstaat in einen Konflikt hineingezogen werden oder sollte eine massive Naturkatastrophe das Land erschüttern, ist die Lebensmittelversorgung der Bevölkerung für einige Monate gesichert. Die Regierung setzt auf sogenannte Pflichtlager. Unternehmen, die eine Mindestmenge bestimmter Güter importieren oder zum ersten Mal in der Schweiz verkaufen, müssen die Depots errichten. Die Regierung legt die Mengen der gelagerten Güter fest, überwacht die Bewirtschaftung und hilft bei der Finanzierung. Derzeit lagern in den Arsenalen etwa 69 000 Tonnen Zucker, die für vier Monate reichen sollen. 13 500 Tonnen Kaffee sollen den Schweizern drei Monate lang Genuss garantieren. Größter Posten ist Getreide für Mensch und Tier: 270 000 Tonnen, die drei bis vier Monate überbrücken sollen. Das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung empfiehlt den Schweizern aber auch, einen Vorrat an Lebensmitteln für eine Woche zu halten. sc/jdh/mth

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