Politik : Lehrbuch eines Bürgerrechtlers: Die unvollendete Revolution

Lutz Rathenow

Manchmal sagen schon Buchtitel mehr über den Autor aus, als ihm das selbst bewusst sein dürfte. Der aus Halle stammende Historiker Hans Krech nennt sein Buch zum zehnten Jahrestag der deutsch-deutschen Vereinigung: "Unsere Revolution ist noch nicht zu Ende. Das historisch-literarische Revolutionslehrbuch eines Bürgerrechtlers aus den Jahren 1989 und 1999." Dann kommt noch ein Untertitel, der auf dokumentierte Stasi-Akten verweist. Man merkt: Hans Krech will viel.

Die Geschichte seines Berufsverbotes, erzählt anhand der Stasi-Akten, das ist schon ein kleines Buch im Buch. Der Hauptteil seines Bandes überrascht: Es scheint die reine Literatur zu sein, die hier vorgelegt wird. Erscheint sie doch in einer Reihe in einem Berliner Verlag, in der der freie Mitarbeiter des Orientinstituts und der Führungsakademie der Bundeswehr sich sonst mit den "Bewaffneten Konflikten nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes" beschäftigt.

Ein Spartacus in der DDR

Jetzt bietet der Autor Krech, politisch inspiriert, literarisch-historische Skizzen von geschichtlichen Umbruchsituationen. Spartacus, Robespierre, Jefferson oder Lord Byron treten auf. Das Ergebnis beeindruckt: romantisches Schwärmen und nüchterne Desillusionierung im Wechsel. Hans Krech vertraut seiner literarischen Gestaltungskraft und liefert mehr als reine Literatur. Die spannenden Miniaturen kreisen immer wieder um ganz grundsätzliche Fragen: Wie entsteht eine revolutionäre Situation? Wie erlernt man Kampfmethoden des zivilen Ungehorsams? Wie stehen Bürgerrechtler der Ausübung direkter Gewalt gegenüber? Und welchen Stellenwert haben Bürger- und Menschenrechte?

Hans Krech schrieb das alles zu Zeiten auf, als die Deutsche Demokratische Republik noch existierte. Er verstand seine Schriften als eine Vorübung zur Planung und Durchführung eines revolutionären Umbruchs. Deshalb schmuggelte er das Manuskript, Seite für Seite, in den Westen. Vielleicht wäre es interessant gewesen, noch mehr über die mögliche Wirkung solcher Texte nachzudenken.

Immerhin knüpft er mit seinen Absichten direkt daran an, was einmal der "Bedeutungsmehrwert" in einer Diktatur genannt worden ist. Und was Hans Krech mit seinen Plänen zur Abschaffung einer realsozialistischen Diktatur letztlich auch abschaffen will. Warum hätte die spannende Skizze über Spartacus ein DDR-Verlag sicher gern gedruckt, jene über den amerikanischen Präsidenten Jefferson aber nicht?

Nach der historischen Literatur geht der Autor wieder zur politischen Analyse über. Sie ist ganz von der Absicht durchdrungen, dem Leser heute das Gefühl zu vermitteln, die Revolution von 1989 müsse fortgesetzt werden. Der Bekämpfung der SED-Nachfolgepartei PDS widmet er einen eigenen Punkteplan. Hans Krech möchte eine Stimme für die Opfer der DDR sein. Und gleichzeitig ein Politiker werden, der diese Ambitionen auch durchsetzt.

So endet seine Kurzbiografie im Buch mit zwei Bemerkungen: "Er hat mehrere Patente angemeldet. FDP-Außenpolitiker". Sage keiner, Kurzbiografien könnten nicht phantasieanregend sein.

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