Linke drittstärkste Kraft im Bundestag : Gregor Gysi: "Wer hätte das gedacht?"

Zu Jahresfang stand die Linkspartei am Tiefpunkt, die Genossen fürchteten die Fünfprozenthürde. Die neuen Parteichefs haben die Partei beruhigt, Gysi hat sie wieder groß gemacht.

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Wahlsieger Gregor Gysi (rechts), im Hintergrund Ex-Parteichef Klaus Ernst und die Vizevorsitzende Sahra Wagenknecht
Wahlsieger Gregor Gysi (rechts), im Hintergrund Ex-Parteichef Klaus Ernst und die Vizevorsitzende Sahra WagenknechtFoto: dpa

Es ist fünf Minuten nach 18 Uhr, und ein beschwingter Bundesgeschäftsführer und Wahlkampfleiter tritt auf die Bühne des Kesselhauses der Berliner Kulturbrauerei. Der Raum ist rappelvoll, zum ersten Mal seit Jahren hat die Partei Grund zum Feiern. Und Matthias Höhn will sich gar nicht lange aufhalten mit wackligen Prognosen. Sondern jubelt: Schwarz- Gelb abgewählt, FDP raus, Linke noch vor den Grünen. Und dann sagt Höhn: „Ich bedanke mich ganz besonders bei einem Mann, der den Wahlkampf gerockt hat – und das ist Gregor Gysi.“

Wagenknecht steht unten am Rand. Nicht richtig niedergeschlagen. Aber sie strahlt auch nicht, als Höhn das sagt. „Ein sehr gutes Ergebnis“, wird sie anschließend kommentieren. Was stimmt für die Partei, aber deshalb noch nicht unbedingt für Wagenknecht.

Die Linke stand nach selbstzerstörerischen Prozessen zu Jahresanfang am Tiefpunkt: in Serie verlorene Wahlen im Westen, bundesweite Angst vor dem Scheitern an der Fünfprozenthürde. Das ist am Sonntag der Maßstab und nicht die 11,9 Prozent von 2009. Nach der Niedersachsen-Wahl traute sich die Partei nicht einmal, ihren Fraktionschef zum alleinigen Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl aufzurufen, und bestimmte stattdessen ein Team von acht Leuten.

Katja Kipping erinnert an die Grabenkämpfe

Jetzt aber ist Gysi der unbestrittene Star, vielleicht sogar, um Stefan Raab zu zitieren, ein Popstar. „Ein ganz großartiger Tag für die Linke“, ruft begeistert die Vorsitzende Katja Kipping. „Super, dass wir das Trennende beiseitegeschoben haben“, erinnert sie an die Grabenkämpfe. Und dann bittet sie Gysi nach oben, der sich obenauf fühlt. „Wer hätte das gedacht“, sagt der jubelnde Sieger, „dass diese Partei die drittstärkste Kraft der Bundesrepublik Deutschland wird? Das haben wir geschafft.“

Kipping und ihr Kochef Bernd Riexinger haben die Partei beruhigt, Gysi aber hat sie wieder groß gemacht. Auch deshalb bleibt für Wagenknecht, das zweitbekannteste Gesicht, nur die zweitwichtigste Rolle. Irgendwann holt man auch sie auf die Bühne, mit drei weiteren Leuten aus dem Achterteam. Aber sie sagen dort oben nichts, sondern nehmen nur Blumen entgegen, die sie dann alle gemeinsam ins Publikum werfen. Wie Brautsträuße. Nur dass bisher niemand die Linke heiraten will.

"Die SPD hat sich mit ihrer Ausschließeritis geschadet"

Aber eben zu dieser Frage gibt es den nächsten Unterschied zwischen Gysi und Wagenknecht. Denn während er sicher ist, dass sich die SPD „mit ihrer Ausschließeritis geschadet“ habe und es diese „ab morgen nicht mehr geben" werde, ist sie deutlich reservierter. Falls sich Rot-Rot-Grün rechne, so sagt Wagenknecht am Rande, „werden wir die SPD an ihre Wahlversprechen erinnern“. Sie fügt dann gleich an: „Aber wenn die SPD nur pro forma mit uns verhandelt, um den Preis für eine große Koalition hochzutreiben, ist es natürlich sinnlos.“

Bei Wagenknecht klingt das alles äußerst konditioniert, so ähnlich wie bei ihrem Lebensgefährten Oskar Lafontaine. Für den war es der erste Wahlkampf, in dem er nicht mehr richtig mitmischte. Noch im Juni drückte er seiner Partei eine Debatte um einen möglichen Euro-Ausstieg auf, dann eine Reihe von Auftritten in Nordrhein-Westfalen, wo Wagenknecht als Spitzenkandidatin kandidierte. Und Schluss. Vorvergangene Woche, bei einem Interview zu seinem 70. Geburtstag, sagte Lafontaine dem Saarländischen Rundfunk, auch jeder seiner Besuche in einem Supermarkt sei „eine Wahlkampfveranstaltung“. Immerhin im Supermarkt war Lafontaine demnach „fast jeden Tag“.

Sahra Wagenknecht müsste vom Alter her eine wichtigere Rolle haben

Wagenknecht ist 44, Gysi 65. Vom Alter her müsste sie eine wichtigere Rolle haben in einer Partei, die in die Zukunft denkt. Ihre blöden Sprüche zum Stalinismus und zur Mauer geraten langsam in Vergessenheit. Und sie meldet ihren Anspruch an, wenn auch noch indirekt. Etwa neulich, als sie meinte, sie wolle Gysi die Rolle des Generalisten nicht absprechen: „Doch ich würde sie für mich genauso beanspruchen.“ Möglicherweise wird sie auch die Frauen der Fraktion für eine Doppelspitze zu mobilisieren versuchen. Und eigentlich wollte Gysi das ja auch einmal, ein Doppel mit Wagenknecht und seinem Vertrauten Dietmar Bartsch – wenn er mal abtritt. Doch einige Genossen mutmaßen, dass dann ganz andere zum Zug kommen könnten.

Doch Gysi will die Legislaturperiode durchziehen. Und sich als Fraktionschef bestätigen lassen und keine Partnerin dazu. Gleich am Dienstag werden sich die bisherigen und die neuen Abgeordneten am Nachmittag zu einer Sitzung im Reichstagsgebäude treffen, Kräfteverhältnisse sondieren. Einen „beachtlichen Akzeptanzschub“ für die Linke nennt Gysi das Abschneiden am Sonntag. Und den will er, im Bonner Bundestag und später noch in Berlin lange ausgrenzt, nun auch persönlich genießen.

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