Live mit Alexi Bexi und Co. : Merkels Wahlkampf im Neuland

Vier Youtuber interviewen die Kanzlerin: Das soll junge Wähler bringen. Doch die kennen jetzt vor allem Merkels Lieblings-Emoji.

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Es war Ischtar Isiks erstes Interview - Merkel lobt: Sie sei ein Naturtalent.
Es war Ischtar Isiks erstes Interview - Merkel lobt: Sie sei ein Naturtalent.Foto: null

Beim Thema Elektromobilität wirkt Angela Merkel dann kurz gestresst. Warum im Fuhrpark des Bundes nur so wenige Elektroautos seien, will der Youtuber Alexi Bexi von ihr wissen. "Haben Sie ihr Vorhaben, Elektroautos tatsächlich auf die Straße bringen, aufgegeben?", fragt er. Und bohrt noch einmal nach, was aus einer E-Auto-Quote bis zum Jahr 2020 geworden sei.

Merkel hat auch auf diese Fragen Antworten - aber sie kann sie nicht mit Allgemeinplätzen beantworten, wie viele der Fragen, die sie an diesem Mittwochmittag gestellt bekommt. Eine Stunde lang wird die Kanzlerin von vier Youtubern interviewt, nacheinander - übertragen wird das Gespräch auf Youtube im Livestream, sowohl auf dem Kanal "Deine Wahl", als auch auf den Kanälen der Jungstars.

Mit der Auswahl der Interviewer sollte wohl eine ganze Bandbreite an Zielgruppen abgedeckt werden. Die 21-jährige Beauty-Queen Ischtar Isik plaudert in ihren Clips gerne über Wimperntusche, Nagellack oder Ohrringe. Hinter dem Namen ItsColeslaw steckt die Psychologiestudentin Lisa Sophie, ebenfalls Anfang 20. Bei ihr geht es durchaus auch um Probleme oder Tabuthemen. MrWissen2Go, der eigentlich Mirko Drotschmann heißt, ist Historiker, und erklärt als eine Art cooler Nachhilfelehrer Politik und Geschichte. Alexi Bexi, der 28-jährige Hamburger Alexander Böhm, isst vor laufender Kamera Nutella, testet neue Technik-Geräte oder synchronisiert englischsprachige Popsongs.

Merkels Lieblingsemoji: ein Smiley mit Herzchen

Die vier bemühen sich, der Kanzlerin kritische Fragen zu stellen. Es geht um soziale Gerechtigkeit, Bildung, Außenpolitik und die deutsche Automobilindustrie. Auf die Fragen von Alexi Bexi zu den E-Autos sagt Merkel schließlich, dass es zwar nicht einfach werde, sie aber daran festhalten wolle, eine Million E-Fahrzeuge bis 2020 auf deutsche Straßen zu bringen. Auch bei dem Fuhrpark Bundes gebe es Verbesserungsbedarf. Im September will sie sich mit den Kommunen treffen, um über den Mobilitätsfonds zu sprechen, der Gelder für den Kampf gegen die Luftverschmutzung enthält.

Garniert wird das Gespräch durch eingeblendete User-Kommentare und Twitter-Umfragen. Doch wie zu erwarten, lässt sich Merkel ansonsten kaum aufs Glatteis führen. Der Erkenntnisgewinn ist gering. Was man jetzt weiß: Die Kanzlerin will sich bemühen - sollte Sie erneut Regierungschefin werden - eine 50-prozentige Frauenquote unter den CDU-Mitgliedern im Kabinett zu erreichen. Der Breitbandausbau soll endlich vorankommen. Die Menschen müssen keine Angst vor einem Dritten Weltkrieg haben. Der Steuerzahler wird höchstwahrscheinlich nicht für Air Berlin zahlen. Und Merkels Lieblings-Emoji ist ein Smiley - "wenn es gut kommt noch mit einem Herzchen dran".

Was man nicht weiß: Wie es passieren konnte, dass die Politik zu vielen jungen Menschen den Kontakt verloren hat. Wie die Politik damit umgehen soll, dass viele eben trotzdem Angst vor einem Krieg haben. Und wie es Merkel schafft, auch bei 24-Stunden-Gipfeln wach zu bleiben. Um diese Antworten drückt sich Merkel wortreich.

"Eine Frage stellen, die ein bisschen unbequem ist"

Laut der Produktionsfirma Studio71, die eine Tochter von ProSiebenSat1 ist, gab es keinerlei Absprachen mit dem Bundespresseamt, was die Inhalte des Gesprächs betraf. Auch MrWissen2Go hatte vorher in einem Video deutlich gemacht, dass er dem Gespräch nur zugestimmt habe, weil es live sei und Fragen nicht vorher abgesprochen würden.  "Da kann man natürlich auch mal eine Frage stellen, die ein bisschen unbequem ist und die man hinterher nicht einfach rausschneiden kann."

Doch die Zeit ist knapp. "Nennen Sie mir ein Thema, das Sie interessiert und ich nenne Ihnen die Unterschiede zwischen den Parteien", fordert Merkel die Beauty-Bloggerin Ischtar an einer Stelle auf. Sie habe nämlich die Sorge, dass viele Menschen glaubten, es mache keinen Unterschied, wen sie wählen. Doch Ischtar will lieber mit ihren Fragen vorankommen und schlägt das Angebot aus.

Dass Merkel dem Format in dieser Form zugestimmt hat, ist interessant - denn was das TV-Duell mit Martin Schulz betrifft, dass am 3. September ausgestrahlt werden soll, hatte die Kanzlerin sehr genaue Vorstellungen. Nicht nur verweigerte sie sich einem zweiten TV-Duell, sie wollte sich auch in der Sendung am 3. September nicht von zwei Moderatoren jeweils 45 Minuten lang interviewen lassen, sondern nur von den vier Moderatoren gleichzeitig. Studio-Publikum lehnte sie ab.

Bundeskanzlerin Angela Merkel im Interview mit Florian Mundt alias LeFloid im Jahr 2015.
Bundeskanzlerin Angela Merkel im Interview mit Florian Mundt alias LeFloid im Jahr 2015.Foto: picture alliance / dpa

Das Gespräch mit den Youtubern birgt für Merkel nun aber die Chance, Menschen anzusprechen, die sonst nur schwer erreicht. Die vier Jungstars bringen es zusammen auf drei Millionen Abonnenten, darunter wohl überwiegend junge Menschen und viele Erstwähler. Dem Gespräch mit Merkel schauen mehr als 55.000 Menschen gleichzeitig zu.

Bereits 2015 interviewte der als LeFloid bekannte YouTuber Florian Mundt die Regierungschefin. Bis heute wurde das Video rund 5,5 Millionen Mal abgerufen. Der damals 27-Jährige musste hinterher viel Kritik einstecken - er sei zu zahm gewesen, hieß es. In der Talksendung "Markus Lanz" resümierte er, die Kanzlerin habe ihn benutzt, um an die junge Zielgruppe heranzukommen.

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