Politik : Lob des Wiederkäuens

Verdaut erst mal, was ihr schon habt, besinnt euch auf das, was da ist! Das könnte zur Debatte um Zoos und ihre Zukunft die Botschaft der Wisente sein. Notiert aus Anlass der Rettung ihrer Art vor 90 Jahren.

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2012
2012Foto: IMAGO

Zwei der fünf Tiere haben sich am Rand ihres Geheges im Schatten der außerhalb stehenden Eiche niedergelassen und käuen wieder. Der Bulle schiebt mit abwesendem Blick den Unterkiefer viermal von rechts nach links, dann einmal andersrum. Die Kuh dagegen kaut unentwegt von links nach rechts. Das Kalb liegt seit einiger Zeit ausgestreckt im Sand. Zwei weitere Tiere stehen etwas entfernt und fressen Heu. Das eine frisst vom Boden. Das andere frisst aus einer Raufe, die am Zaun hängt.

Herumstehen oder herumliegen, fressen oder wiederkäuen. Das ist im Groben der Alltag im Wisentgehege des Berliner Zoos. Ereignislos und so öde, das sich kaum ein Besucher damit aufhält, ihn länger zu beobachten. Und das ist wahrscheinlich ein Fehler.

Wie die Tiere da in aller Ruhe verdauen, wie sie ihre Kiefer hin und herschieben, wie sie ins Nichts schauen und sich nicht stören lassen, da werden sie über die langsam vergehende Zeit in ihrer Unerschütterlichkeit regelrecht zu einem Mahnmal, da werden ihre Selbstbezogenheit und Selbstgenügsamkeit zu einer Botschaft. Sie lautet: „Macht es wie wir, verdaut erst mal ordentlich, was ihr intus habt, bevor ihr nach Neuem schreit. Beschäftigt euch mit dem, was schon da ist.“ Diese Botschaft könnte den auf der Suche nach tierischen Sensationen vorbeihastenden Zoobesuchern gelten, aber auch den „Mehr“-Schreiern im Allgemeinen, vielleicht ja der ganzen wachstums- und neuerungsversessenen Gesellschaft.

Diese Besinnung auf den Wert des Existenten hat rund ums Wisent schon einmal Wunder gewirkt. Das Tier war 1923 so gut wie ausgerottet, als sich Ende August im Berliner Zoo die „Internationale Gesellschaft zur Rettung des Wisents“ gründete und erfolgreich daran ging, die Art zu erhalten. Und ist nicht auch der Wisent selbst mit seiner nachhaltigen Taktik des Wiederkäuens als bloßer Laubfresser zum größten und schwersten Landsäugetier Europas geworden?

Was den Zoo angeht, ist der Schrei nach Neuem, nach Modernisierung wieder hörbar, seit zunächst bekannt wurde, dass der Vertrag von Zoodirektor und Modernisierungsdebattengegner Bernhard Blaszkiewitz nicht verlängert wird, und dann vor einigen Tagen Andreas Knieriem als Nachfolger auftrat – ein veränderungslustiger Zoodirektor, der bereits erfolgreich Erlebniszoos gestaltet hat.

Modern und erleben, mit dem Wisent geht das nicht zusammen. Er ist ein Urvieh, fetzenhaarig und wenig konziliant. „Der Wisent ist sich selbst genug und nimmt auch im Zoo wenig Notiz von den Besuchern am Gitter“, notierte 1952 die Hamburger Zoologin, Wisentexpertin und langjährige Zuchtbuchführerin Erna Mohr. Umgekehrt allerdings bekämen die Besucher dadurch „auch keine engere Fühlung mit dem Tier“. Das wirft eine grundlegende Frage für alle Zoos und Tierparks auf: Wozu Tiere ausstellen, für die sich niemand interessiert?

Dem Berliner Zoo jedenfalls war das 90. Jubiläum der Wisentrettungsgesellschaft keine Nachricht wert, der Hamburger Zoo hat kein Foto von Erna Mohr im Archiv, der Frankfurter Zoo, dessen damaliger Chef Kurt Priemel 1923 der erste Vorsitzende der Wisentrettungsgesellschaft war, weiß nicht so genau, ob die Gesellschaft noch existiert, glaubt es aber nicht. Und die Zoobesucher laufen am Wisent vorbei. Entweder ohne zu schauen oder „da, Bisons“ sagend. Bisons, die US-amerikanischen Verwandten der Wisente, uneingeschränkt kreuzungsfähig, stehen im Nachbargehege. Und in manch einer Erinnerung noch für Indianerleben und Prärie.

In einem spartanischen Arbeitszimmer im Zooverwaltungsgebäude rollt Ragnar Kühne auf seinem Bürostuhl umher. Er ist Kurator, für Wisente zuständig und als Biologe der Nüchternheit verpflichtet. Deshalb will er den Arterhaltungserfolg nicht „Wunder“ nennen. „Wunder, na ja“, sagt er. Er fischt eine Notiz zum Wisentbestand aus dem Regal, die er verfasst hat. Sie erging am 29. Oktober 2012 an die Öffentlichkeit, kurz nach dem Eintreffen eines fünfjährigen Wisentbullen namens Spretan im Berliner Zoo und meldete, dass Spretan mit den Berliner Kühen und dem Bullenkalb bereits friedlich zusammenlebe, und zuletzt heißt es, dass die Tiere „als ein Paradebeispiel der Arterhaltung in Menschenobhut“ gelten.

Paradebeispiel also. Statt Wunder.

Dabei ergab kurz vor der Gründung der Wisentrettungsgesellschaft mitten in den Wirren der Weimarer Republik eine Bestandsaufnahme, dass noch genau 56 Tiere dieser Art lebten. Den Rest der einstmals über weite Teile Europas und bis zum Kaukasus verbreiteten Wildrinderart hatte der Mensch niedergemacht. Die 56 nun noch lebenden Tiere waren alle in Gefangenschaft – was jetzt die Rettung ermöglichte. Sie waren aber auch allesamt Nachkommen von nur zwölf Elterntieren. Dieser Genpool wurde verzeichnet im damals begonnenen Zuchtbuch, es war ein wirklich sehr übersichtliches Aufgebot. Und doch: Heute leben in Europa mehr als 3500 Wisente in halbfreien Herden, vor allem in Polen, wo heute ihr Zuchtbuch geführt wird, aber auch in Deutschland: in Springe, Niedersachsen, wo Spretan herkam, in Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen und in Brandenburg.

Kühne scrollt jetzt in seinem Computer durch die Dateienpfade und befördert das europäische Zuchtbuch für Flusspferde auf den Bildschirm. Im Grunde nur eine Liste, in der alle Tiere und ihr Nachwuchs jährlich aktualisiert verzeichnet sind. Flusspferde würden inzwischen auch als gefährdete Art gelten, sagt Kühne. Ihr Lebensraum schrumpft, weil der Mensch sich ausbreitet, und weil sich das kaum ändern wird, steht ihnen vielleicht noch bevor, was die Wisente hinter sich haben.

Wie aus den 56 Wisenten wieder mehr zu machen seien, darüber gab es 1923 sogleich Streit. Das Blut reinhalten wollte Kurt Priemel, der erste Zuchtbuchführer, Bisons einkreuzen wollte sein Berliner Kollege Lutz Heck, überhaupt ein Fan der Wildrinderzucht. Heck brachte 1928 den Berliner Stier Bernstein nach Niedersachsen, wo am Rand des Sauparks Springe ein Schutzgebiet für die Tiere entstand. Bernstein ließ man auf Bisonkühe los, was so gut funktionierte, dass Heck sich zu Nazi-Zeiten bei Reichsmarschall Hermann Göring beliebt machen konnte mit der Ankündigung, bald überzählige Wisentbastarde zum Abschuss in den Wald zu stellen. Mit Göring wurde auch 1934 schon in der Schorfheide ein Wisentreservat eröffnet. Priemel wetterte weiter gegen die „Vermanschung“ des Erbguts und durfte daraufhin nicht mehr publizieren.

Die Wisentpopulation nach 1923 musste mit oder ohne Bisons durch einen Flaschenhals, so nennen es Zoologen, wenn sie sagen wollen, dass viele von wenigen abstammen, was immer riskant ist. „Je kleiner eine Population, desto anfälliger ist sie für Veränderungen“, sagt Kühne. Wegen der unvermeidlichen Inzucht. Doch bei Wisenten, aus denen die Bisonanteile im Laufe der Zeit wieder herausgezüchtet wurden, seien heute nur wenige Beispiele sogenannter „Inzuchtdepression“ bekannt, so stellte es ein polnisches Forscherehepaar 2008 fest. Allein die Nachkommen aus Gehegezucht wiesen eine „verminderte Vitalität“ auf.

Die ersten Zoo-Wisente waren 1872 nach Berlin gekommen, als sie in Deutschland bereits gänzlich ausgerottet waren und weiter ostwärts lebten, wo ihnen nun das Wüten adliger Jagdgesellschaften zusetzte. 1873 kamen zwei weitere als Geschenk des Zaren Alexander II., der überhaupt gern Wisente verschenkte. Die Tiere reisten per Zug und in Begleitung von russischen Forstbeamten. Der Berliner Zoo war zu der Zeit knapp 30 Jahre alt, und nachdem er anfangs vor den Toren der Stadt gelegen hatte, war die ihm inzwischen von allen Seiten näher gerückt. Die Wisente bekamen es in ihrem neuen Zuhause mit Zoobesuchern zu tun, die mühsam davon abgehalten werden mussten, die dort in Gitterkäfigen ausgestellten Tiere mit Stöcken und Regenschirmen zu reizen, ihnen Zigaretten zuzuwerfen oder Kuchen, dessen Genuss manches Leben kostete. Und die Wisente? Vermehrten sich davon unbeeindruckt prächtig. Bereits 1881 fiel dem späteren Zoodirektor Ludwig Heck, Vater von Lutz, die blühende Wisentzucht auf.

Unter Ludwig Hecks Zooleitung bekamen die Wisente und ihre Schondamalsnachbarn, die Bisons, 1905 neue Unterkünfte, das bunte bemalte Doppelblockhaus, dessen Idee sich bis heute gehalten hat. Die Bisons stehen vor indianisch anmutender Fassade, die Wisente vor russischer. Heck nannte die Häuser in seinem jenes Jahr betreffenden Geschäftsbericht „wertvolle Glieder in der Reihe unserer völkerkundlich interessanten, lehrreichen Bauten“, und auch Kühne ist 108 Jahre, zwei Weltkriege und Zerstörungsorgien später voller Begeisterung für die Kulisse. „Bombastisch gut“, sagt er. Andere Zoos würden diese lokalkoloristische Präsentationsform inzwischen nachmachen. Ein Zugeständnis an die Zoobesucher, den Tieren sind Fassaden egal, die wenigsten können Farben erkennen.

Den Tieren nutzte dafür eine Neuerung, die ab 1930 über die Zoos kam: die Außengehege. Bei den Wisenten entscheiden heute die Tiere, ob sie drinnen oder draußen sind. Ihren Sandpaddock begrenzen wie damals ein Graben und dahinter ein Holzzaun. Nur Bäume gibt es nicht mehr, heute müssen die Tiere sich an Baumstümpfen reiben.

Im Zweiten Weltkrieg erlosch der erste Berliner Wisentbestand. Die Tiere waren zwar vor der Bombardierung allesamt in die Schorfheide transportiert worden, aber dort überlebte keins. Somit stand der Zoo am Kriegsende in Trümmern da, zwar noch mit Flusspferd, es hieß Knautschke und sollte legendär werden, und mit einigen anderen Tieren, aber ohne Vertreter jener Art, zu deren Rettung man sich hier einst verabredet hatte.

Auf Kühnes Schreibtisch liegt ein Buch mit Informationen zum Nachkriegswisentbestand. 1952 und 1954 kamen demnach je ein Tier aus den Zoos München-Hellabrunn und Duisburg nach Berlin. Die fanden sich in annähernd originalgetreu restaurierten Gehegen wieder. Auch wenn es die Berliner Senatsverwaltung für Bau- und Wohnungswesen damals lieber gesehen hätte, wenn der Zoo moderne Zweckbauten für die Rinder errichtet hätte, statt erneut die aufwendig verzierten Blockhäuser. Mehr Platz als für ihre Vorgänger gab es nicht für die neuen Wisente. Aber ein verändertes Zooverständnis.

Für das hatte 1942 der Schweizer Zoodirektor Heini Hedinger mit seinem Buch „Wildtiere in Gefangenschaft – ein Grundriss der Tiergartenbiologie“ den Grundstein gelegt. Nicht länger Menagerie wollte man sein, sondern Naturschutzzentrum. Daraus formte sich in den folgenden Jahren die Einigung auf vier Hauptaufgaben eines Zoos: Erholung, Bildung, Forschung, Naturschutz.

Kurator Kühne in seinem Arbeitszimmer formuliert das genauso, weist aber darauf hin, dass die vier Aufgaben nicht gleichwertig seien. Forschung ist ihm wichtig, man dürfe nicht vergessen, dass ein Großteil der Erkenntnisse über Wildtierverhalten aus Zoos stamme, wo sonst könne man die Tiere so ausdauernd beobachten? Naturschutz ist weniger wichtig. Kühne nennt es einen Irrsinn zu glauben, man könne allein in Zoos Arterhaltung betreiben. Auch wenn es gelegentlich gelinge.

Und Bildung? In einem Buch über den Berliner Zoo stellt das ehemalige Direktorenehepaar Heinz-Georg und Ursula Klös im Schlusswort fest, dass „heute“ der Zoobesucher „durch die Medien sensibilisiert“ die „Schaustellung der Tiere in einem möglichst natürlichen Umfeld“ erwarte. Das war 1990. 20 medienrevolutionäre Jahre später erscheint dieser Medieneinfluss fast problematisch. Der heutige Zoobesucher ist einer, der im Fernseher oder Kino dank moderner Kameratechnik ganz nah dabei ist, wenn eine Wüstenmaus vor der Echse flüchtet. Der noch nie gesehenen Tiefseelebewesen direkt auf die bleiche Pelle rückt. Einer, der Natur mittelbar vor allem als Action oder Sensation erlebt. Und im Zoo dann, in der leibhaftigen Begegnung findet sich von alldem: nichts. Wisente liegen im Sand. Flusspferde drömmeln vor sich hin. Zebras gucken, Vögel hocken, Elefanten stehen beieinander. Zahlreich zur Schau gestellt, aber schnell langweilig.

Bundesnaturschutzgesetzlich sind Zoos definiert als Einrichtungen „zwecks Zurschaustellung“ von lebenden Exemplaren wild lebender Arten, also eine Art Setzkasten für aus dem Zusammenhang gerissene Vertreter der Globalfauna. Und der Berliner Zoo ist bis heute Weltmeister in Sachen Artenreichtum. Zum Stichtag 31. Dezember 2012 waren es 19 484 Tiere in 1474 Arten, fast alle präsentiert in ansprechender Kulisse.

Was denn noch? So würde ein Wisent vielleicht reden, wenn er sich beteiligen würde an den Debatten, was mit Erna Mohrs Worten im Ohr und nach dem Blick zurück unwahrscheinlich scheint.

Und dann passiert im Wisentgehege doch etwas. Wisentbulle Spretan steht auf. Er legt seinen Kopf auf den Eisenzaun, hinter dem das Bisongehege ist, und kratzt sich am Kinn. Das Kalb steht ebenfalls auf und schaut die Gehegelänge entlang. Eine der Wisentkühe, die vorhin gefressen hat, geht zur Selbsttränke. Sie hält die Schnauze in die kleine Schale, löst mit der Nase die Wasserzufuhr aus, und steht so eine Weile. Man sieht sie nicht schlucken. Und dann galoppiert das Kalb plötzlich los, die ganze Gehegelänge lang und am Ende wirft es wie ein übermütiges Fohlen seine Hinterbeine in die Luft. Danach schaut es sich um. Der Weg vor dem Gehege ist menschenleer.

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