Politik : Mängel in Masse

Am Mittwoch hat Ministerin Aigner ein Lebensmittel-Internetportal gestartet – die vielen Anfragen überraschen die Verbraucherschützer

von
Mit 750 000 Euro unterstützt Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) den Internetauftritt in den nächsten zwei Jahren
Mit 750 000 Euro unterstützt Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) den Internetauftritt in den nächsten zwei JahrenFoto: dpa

Berlin - Millionen Klicks, tausende Beschwerden, zahllose technische Schwierigkeiten – und nur zwei Mitarbeiter: Seit der Freischaltung der neuen Webseite www.lebensmittelklarheit.de am vergangenen Mittwoch kommen die Macher des Verbraucherportals nicht zur Ruhe. Nach dem großen Medienecho sind bei der zuständigen hessischen Verbraucherzentrale bis Montagnachmittag mehr als 2300 E-Mails von Verbrauchern eingegangen. Auf der Webseite aber ist davon nichts zu sehen. Im Gegenteil. Hier bietet sich heute das gleiche Bild wie am vergangenen Mittwoch. Wie kann das sein?

Die zuständigen Mitarbeiter überrascht die Flut an Nachrichten. „Es hat fast eine Stunde gedauert, bis der Computer heute morgen alle Mails geladen hatte“, sagte Claudia Weiß dem Tagesspiegel. Sie ist eine von zwei Kräften der hessischen Verbraucherzentrale, die die Beschwerden bearbeiten. Nachdem die Webseite vergangene Woche unter zeitweilig 20 000 Klicks pro Sekunde mehrfach zusammengebrochen war, stehen Weiß und ihre Kollegin Wiebke Franz vor einer Mammutaufgabe, die sie wohl kaum alleine werden lösen können. „Wir sind hier von den Entwicklungen überrollt worden“, sagt Weiß. „Wir müssen und wir werden eine Lösung finden.“ Wie die aussehen könnte, ist unklar. Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU), die den Internetauftritt mit 750 000 Euro in den kommenden zwei Jahren unterstützt, wollte sich am Montag zum Arbeitsaufwand der hessischen Verbraucherzentrale oder einer Aufstockung der Mittel nicht äußern.

Wer die Internetseite aufruft, bekommt vom aktuellen Wirbel nichts mit. Die Beschwerden, die im Moment dort nachzulesen sind, stammen noch aus der Zeit vor der Freischaltung am 20. Juli und sollen die Arbeit der Kennzeichnungskontrolleure illustrieren, wie Hartmut König, Leiter der Verbraucherzentrale in Frankfurt am Main, sagt. Bis die ersten Beschwerden, die seither, nach der Freischaltung der Internetseite, eingegangen sind, bearbeitet und nachzulesen sind, werde es wohl noch dauern. „Erst die technischen Schwierigkeiten – und jetzt mehr als 2000 Mails, da können wir die Menschen nur um Geduld bitten“, sagt Weiß.

Die Bearbeitung einer Anfrage dauere mindestens eine Woche und brauche etwa acht Stunden Arbeitszeit, erklärt Weiß. Erst werden die Beschwerden gesichtet, denn die hessischen Verbraucherschützer sind beispielsweise für den Geschmack oder die Verunreinigung eines Lebensmittels gar nicht zuständig – das ist Sache von Lebensmittelkontrolleuren. „Wir untersuchen die Kennzeichnung und Aufmachung eines Produktes“, sagt Weiß. Eine häufige Beschwerde ist nach Franz’ Worten etwa ein Joghurt, dessen Becher mit Früchten bedruckt ist, die im Produkt aber nur in geringen Mengen vorhanden sind, während der Geschmack hauptsächlich auf Aromastoffen beruht. Erfüllt die Beschwerde die Anforderung, muss das Team das Produkt im Handel kaufen. Dafür ist eine Hilfskraft im Einsatz. „Bei regionalen Produkten ist das schwierig, wir können ja nicht nach Bremen zum Einkaufen fahren. Dann bitten wir die Kollegen von anderen Verbraucherzentralen um Mithilfe“, erklärt Weiß.

Sobald ein Produkt in den Händen von Weiß und Franz ist, geben sie eine schriftliche Einschätzung ab. Die wird von einer Mitarbeiterin gegengelesen, die sie unter juristischen Gesichtspunkten prüft. Danach konfrontieren sie die Hersteller der Lebensmittel mit den Vorwürfen – die haben dann eine Woche Zeit, sich zu erklären. „Wenn die Firmen länger brauchen, können wir den entsprechenden Fall ins Netz stellen und die Stellungnahme nachreichen. Wir bitten die Firmen immer, uns eine gekürzte Version zukommen zu lassen, aber manchmal müssen wir deren Texte dann selber kürzen“, sagt Weiß. Hinzu kommt: Die Produkte müssen fotografiert und Fotos und Texte hochgeladen werden. „Die Formatierung der Fotos und das Einstellen der Texte dauert auch gut eine Stunde.“

Noch ist das Portal ein eher uneingelöstes Versprechen. Wenn es irgendwann so weit ist, soll die Webseite Raum für Diskussionen bieten, aufklären und „Klarheit und Wahrheit bei der Kennzeichnung und Aufmachung von Lebensmitteln“ bringen, sagen die Macher. Neben den veröffentlichten Beschwerden ist ein Forum eingerichtet, in dem Fragen an Experten gestellt werden können. Die Lebensmittelindustrie hatte heftige Kritik an der Webseite geübt: Das Portal sei existenzgefährdend, da es legale Praktiken an „den Pranger“ stelle. Verbraucherverbände hatten dagegen den Mut der Ministerin gelobt, gegen die Lebensmittellobby vorzugehen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben