Manfred Steinkühler : "Das Thema war nicht erwünscht"

05.11.2010 11:42 Uhr
  • Juni 1943. Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop und Hitler. - Foto: mauritius images
  • Vor Gericht. Der ehemalige Reichskanzler Franz von Papen mit seinem Sohn Friedrich Franz bei den Nürnberger Prozessen. - Foto: bpk
  • Eine neue Studie belegt, dass das Auswärtige Amt stärker in Nazi-Verbrechen verstrickt war als bisher angenommen. Im Bild Außenminister Joachim Ribbentrop mit Adolf Hitler. - Foto: dpa

Eine Studie hat belegt, dass das Auswärtige Amt in die Nazi-Diktatur verstrickt gewesen ist. Ex-Diplomat Manfred Steinkühler über das Verhältnis des Amtes zur NS-Vergangenheit.

Die Historikerkommission, die die Geschichte des Auswärtigen Amts aufgearbeitet hat, rückt dessen Corpsgeist in den Blick, der lange genau dies verhindert oder hintertrieben hat. Sie waren Teil des Corps – wie haben Sie dessen Geist erlebt?

Ich bin 1965 in den Auswärtigen Dienst eingetreten und merkte bald, dass man als jüngerer Beamter gut daran tat, die NS-Herrschaft nicht zu thematisieren. Auskünfte erhielt man sowieso nicht, aber es wurde auch sehr deutlich gemacht, dass das Thema nicht erwünscht war. Daneben gab es anhaltende Versuche von hohen Beamten, die noch zur Weimarer Zeit ins Amt gekommen waren, den jüngeren deutlich zu machen, dass der Dienst seinerzeit zwar Teil der Nazi-Administration war, dort aber nichts als Widerstand geleistet worden war.

Haben Sie das geglaubt?
Lange ja. Schließlich war das die Lesart von Kollegen und Vorgesetzten, die ich respektierte und schätzte.

Wann wurden Sie mit der NS-Vergangenheit des Amts konfrontiert?

Relativ früh, auf meinem ersten Auslandsposten Anfang der 70er Jahre im Generalkonsulat in Mailand. Ich war dort Konsul Erster Klasse, der Generalkonsul war Mitglied der NSDAP gewesen, das wusste ich. Erst später erfuhr ich, dass er während des Krieges beim Militärbefehlshaber in Paris arbeitete, in einer besonders verbrecherischen Behörde, die in die Deportation der französischen Juden involviert war. Der Generalkonsul äußerte sich im Gespräch mit der Korrespondentin einer großen deutschen Zeitung eindeutig apologetisch über das NS-Regime, woraufhin sie ihm ankündigte, sie werde sich darüber im Auswärtigen Amt beschweren und dafür sorgen, dass er abberufen würde. Der Generalkonsul war in größten Nöten. Und da ich Zeuge der Szene geworden war, wurde ich befragt.

Was taten Sie?

Etwas, das ich heute für einen Fehler halte: Ich habe seine Worte abgeschwächt; er konnte auf seinem Posten bleiben. Womöglich war ich selbst schon vom Corpsgeist infiziert.

Gab es weitere Begegnungen?
Immer wieder. Unmittelbar danach wurde ich Sekretär in Bukarest, Botschafter war dort Erwin Wickert, der aus seiner NS-Vergangenheit nie ein Geheimnis gemacht hat.

Was zeichnet den Corpsgeist des Auswärtigen Amts aus Ihrer Sicht aus?

Dem Diplomaten eigentümlich ist das Selbstbewusstsein, den Staat, den er vertritt, gewissermaßen zu verkörpern. Und dieser Geist hat sehr stark mit der Nationalstaatsbildung zu tun. Der deutsche diplomatische Dienst entstand erst nach der Reichsgründung 1871. Geprägt haben ihn Uradel, Adel und großbürgerliche Schichten, er war überwiegend evangelisch, antisemitisch, frankophob und anglophil. Man verstand sich selbst als eine von der übrigen Bevölkerung abgehobene elitäre Schicht und dachte wie die Monarchie hegemonial. Man strebte nach der Weltmacht. Der Bruch nach 1918 war ein institutioneller, aber kein personeller. Die kaiserlichen Diplomaten blieben im Amt, waren revisionistisch eingestellt und lehnten die Republik ab. Nach 1933 widersetzte sich nur eine Minderheit der Barbarei und nach der Neugründung des Auswärtigen Amts 1951 war der alte Corpsgeist auf das neue Ziel gerichtet, die alten Plätze wieder einzunehmen. Dafür mussten Tatvorwürfe konsequent abgewehrt werden.

Ist Joschka Fischers Auftrag, diese Geschichte aufzuarbeiten, aus Ihrer Sicht ein Bruch dieser Kontinuität?

Man muss den von ihm eingesetzten Historikern danken, dass der Unschuldslegende nun endlich jede Grundlage entzogen ist. Aber auch Fischer hatte, wie ich selbst erfahren konnte, nicht den Mut, mit bestimmten Riten zu brechen.

Sie meinen die unterschiedslose Ehrung von Tätern und Opfern am Volkstrauertag, die Sie Ende der 80er Jahre als Generalkonsul in Mailand verweigerten.

Ja. Ich hatte mich 1988 geweigert, weiter auf dem deutschen Soldatenfriedhof in Costermano bei Verona zum Volkstrauertag zu sprechen, nachdem ich erfahren hatte, dass dort auch hochrangige Verbrecher an der Menschheit lagen, darunter Christian Wirth, der das KZ San Sabba geleitet hatte, das einzige auf italienischem Boden. Auch er und die anderen Täter waren damit Adressaten von „Totenehrungen“ und in „Ehrenbüchern“ auf dem Friedhof eingetragen. Ich habe erst die Umbettung vorgeschlagen, später dann, die Ehrenbücher zu entfernen. All das wurde abgelehnt. Die Bücher verschwanden erst unter Außenminister Steinmeier.

Und Sie mussten 1991 gehen?

Nein, ich bin aus eigenem Entschluss gegangen. Zwischen dem Personalleiter und mir bestand Einvernehmen, dass zwischen dem Auswärtigen Amt und mir in der Behandlung und Aufarbeitung der NS-Zeit ein unüberbrückbarer Dissens bestehe.

Wie würden Sie ihn beschreiben?

Das Amt sah sich außerstande, einen Unterschied zu machen zwischen Tätern und Opfern. Ehre war allen für Deutschland Gefallenen zu erweisen, auch wenn sie in der SS waren. Keinen Unterschied im Tod zu machen, dazu hatte übrigens Bundespräsident Richard von Weizsäcker in seiner Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes aufgerufen. Das sehe ich anders. Im Auswärtigen Amt bin ich damit bis heute ein Outcast.

Das Gespräch führte Andrea Dernbach

ZUR PERSON

Manfred Steinkühler war 26 Jahre lang im Auswärtigen Dienst tätig. 1991 ging der heute 81-Jährige nach einer Kontroverse um die Ehrung von NS-Verbrechern in den vorzeitigen Ruhestand.

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