Mark Zuckerberg und seine Spende : Gibt es selbstlose gute Taten?

Kein Mensch handelt uneigennützig: Davon sind zweckrational empfindende Menschen überzeugt. Auch Verteidiger und Gegner von Mark Zuckerberg sind sich in diesem Punkt einig. Das ist schade. Ein Kommentar.

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Wer Glück empfindet, dessen Herz wird oft groß. Foto: dpa
Wer Glück empfindet, dessen Herz wird oft groß.Foto: dpa

In der amerikanischen Fernsehserie „Friends“ gibt es eine Episode, die sich um das Wesen moralischer Handlungen dreht. Phoebe meint, wirklich gut sei eine Tat nur, wenn sie selbstlos ist. Joey behauptet, uneigennützige Taten gebe es nicht, weil jeder Handlung ein Kalkül vorausgeht. Letztlich wolle der Handelnde sich selbst gut fühlen, den Erwartungen anderer gerecht oder einfach nur geliebt werden.

Die Episode endet damit, dass die leicht verrückte Phoebe, eine der Hauptdarstellerinnen, sich absichtlich von einer Biene stechen lässt. Für die Biene sei das gut, sagt sie, weil deren Bienen-Kumpels sie nun wegen ihres Mutes bewundern können. Sie selbst aber habe keinen Vorteil davon, der Stich habe sogar ziemlich wehgetan. Joey, ihr Kontrahent, erwidert: „Du weißt, dass die Biene wahrscheinlich starb, nachdem sie Dich gestochen hatte?“

Kein Mensch handelt selbstlos oder uneigennützig: Davon sind zweckrational empfindende Menschen überzeugt. Das zeigte sich auch jetzt wieder, als Facebook-Gründer Mark Zuckerberg ankündigte, 99 Prozent der eigenen Aktien – rund 45 Milliarden Dollar – an eine Stiftung zu spenden. Schnell machte das Wort vom „Philanthrokapitalismus“ die Runde, andere sprachen von dem „höchsten Marketing-Budget, das die Welt je gesehen hat“.

Einig aber waren sich Gegner wie Verteidiger Zuckerbergs darin, dass die Spende nicht nur altruistisch motiviert sei. Das wiederum war für die einen Grund genug, sie verwerflich zu finden, während die anderen großzügig darüber hinwegsahen, weil der Gesamtvorteil groß genug sei.

Im Rahmen einer mechanistischen Weltsicht ist für Selbstlosigkeit kein Platz

Im Rahmen einer mechanistischen Weltsicht ist für Selbstlosigkeit kein Platz. Der schottische Moralphilosoph Adam Smith bringt es auf den Punkt: „Es ist nicht das Wohlwollen des Metzgers, Brauers und Bäckers, das uns unser Abendessen erwarten lässt, sondern dass sie ihre eigenen Interessen wahrnehmen. Wir wenden uns nicht an ihre Menschen-, sondern an ihre Eigenliebe, und wir erwähnen nicht die eigenen Bedürfnisse, sondern sprechen von ihrem Vorteil.“ („The Wealth of Nations“, 1776)

Verstärkt wurde diese Auffassung durch Evolutionstheorie (Charles Darwin) und Psychologie (Sigmund Freud). Demnach würde altruistisches Verhalten, sofern es nicht den Fortpflanzungserfolg erhöht, durch natürliche Selektion zum Verschwinden gebracht. Sollte es aber den Fortpflanzungserfolg erhöhen, wäre es nicht mehr streng altruistisch.

Der kräftigste Gegenentwurf zum mechanistischen Weltbild stammt von Immanuel Kant („Metaphysik der Sitten“). Gut ist allein die Tat, die um ihrer selbst willen geschieht. „Der Wert einer moralischen Handlung liegt nicht in der Wirkung oder den Beweggründen, sondern einzig und allein in der Befolgung der Pflichten.“

Ist es denn wirklich so, dass alle Menschen stets auf den eigenen Vorteil bedacht sind, wenn sie anderen Menschen helfen? Janusz Korczak war polnischer Arzt, Lehrer und Schriftsteller. Im August 1942 begleitete er die Kinder seines Waisenhauses beim Abtransport in ein nationalsozialistisches Vernichtungslager, obwohl das auch für ihn den Tod bedeutete.

Sie spürten, ja wussten, was gut und richtig war, und handelten entsprechend

Es gibt Tausende von anderen Beispielen, in denen Menschen ihr Leben riskierten, um das von anderen Menschen zu retten. Dabei kannten sie diese Menschen oft gar nicht. In der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem werden in der „Allee der Gerechten unter den Völkern“ und im „Garten der Gerechten unter den Völkern“ an jene Nicht-Juden erinnert, die sich dem Nazi-Regime widersetzten, um Juden zu retten. Wer die Geschichten liest, kommt gar nicht auf den Gedanken, hinter den Motiven dieser Gerechten Eigennutz zu vermuten. Sie spürten, ja wussten, was gut und richtig war, und handelten entsprechend.

Doch wie kann das sein? Womöglich prallen in dem Gegensatz von Egoismus und Altruismus zwei Urerfahrungen aufeinander. Beide haben ihre Berechtigung, indem sie sich ergänzen. In der Um-zu-Logik der Egoisten geht jeder Handlung ein „Ich will“ voraus und damit ein Ich, das etwas erreichen und sich selbst verwirklichen will. Wollen und Selbstverwirklichung sind untrennbar. Der Fokus des Altruisten liegt dagegen auf dem inneren Wert einer Handlung. Er hilft den Bedürftigen, um ihnen zu helfen. Er ist treu, um treu zu sein. Ob ihm das nützt oder schadet, spielt keine Rolle. Tautologien nimmt er in Kauf.

Ob Mark Zuckerberg ein Altruist ist, weiß nur er allein. Diese Möglichkeit aber von vornherein auszuschließen, macht die Welt ein wenig ärmer.


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