Martenstein über den Brexit : Arroganz bringt Europa nicht weiter

Die Mehrheit der britischen Wähler hatte halt Honig im Kopf, auf den Nenner kann man die Reaktionen vieler auf das Brexit-Votum bringen. Wir blicken durch. Ihr seid Idioten. Ein Kommentar.

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Auch in Großbritannien werden die Brexit-Befürworter verunglimpft.
Auch in Großbritannien werden die Brexit-Befürworter verunglimpft.Foto: Reuters

Einer der ersten Online-Kommentare zum Brexit trug die Überschrift „Wenn Länder Amok laufen“. Die Mehrheit der britischen Wähler sei halt hysterisch, die würden Rattenfängern folgen. Diese Leute haben Honig im Kopf, auf den Nenner kann man die Argumentation der etablierten Politik und vieler Kommentare bringen, wenn es um die Europa-Kritiker geht. Wir blicken durch. Ihr seid Idioten. „Arroganz“ ist da wohl das einzige passende Wort. „Arroganz“ war ein Hauptvorwurf der Brexit-Kampagne gegen die EU. Und gegen genau diese Arroganz rebellieren viele Leute mit der einzigen Waffe, die sie haben, ihrer Wählerstimme.

So sieht der Frontverlauf im Groben aus: Auf der einen Seite die politischen Eliten, die Gebildeten mit relativ guten Jobs, Journalisten gehören dazu. Auf der anderen Seite ein wachsender Teil der Unter- und Mittelschicht. Wie ticken diese Menschen? Sie haben keine Jobs, und wenn sie welche haben, dann leben sie in Angst um diesen Job. Ob man sich wohl einen Urlaub leisten kann?

Wer es zu ein bisschen Wohlstand gebracht hat, der muss sich täglich anhören, dass er zur Solidarität mit den Ärmeren aus anderen Ländern verpflichtet ist, Steuererhöhungen sind das einzig Gerechte, für den eigenen, hart erarbeiteten Wohlstand sollte man sich im Grunde schämen. Das wird gesagt von Leuten, denen es gut geht, an die Adresse von Leuten, die zu kämpfen haben. Ständig hören sie von Milliarden, die an andere Länder fließen, von Milliarden, die für Neuankömmlinge ausgegeben werden, die sich nicht immer gut benehmen. Alles Mögliche ist wichtig, sagen sie sich, nur wir sind unwichtig, denn wir sind die Idioten.

Für die Leute ist kein Ende absehbar - deshalb wächst die Wut

Ich glaube nicht, dass diese Leute alle herzlos sind. Den meisten ist klar, dass ihre Probleme klein sind, verglichen mit denen der anderen, die in Hunger und Krieg dahinvegetieren. Aber ich habe nur dieses eine Leben, sagen sie sich, nur dieses eine.

Dass die Wut auf die EU fast überall wächst, nicht nur bei den Briten, hat damit zu tun, dass für die Leute kein Ende absehbar ist, es gibt nur eine Richtung. Immer mehr Einwanderer sollen kommen, immer mehr Milliarden sollen fließen, der Euro fühlt sich immer weicher an, die Bürokratie wird immer mächtiger, und dein Parlament, auf das du immerhin einen Einfluss hast, scheint immer weniger zu sagen zu haben.

Wenn „Europa“ bedeutet, dass ich mich ohnmächtig fühle, fremdbestimmt, wenn alles andere wichtiger ist als ich, mein Leben und meine Sorgen, nun, dann bin ich offenbar im falschen Film. Solange das „Immer mehr“ regiert, gibt es keine Ruhe.

So denken die Idioten. Und jedes Mal, wenn sie in einer Rede oder einem Kommentar nur als Idioten vorkommen, denken ein paar Leute mehr so.

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Tausende Briten demonstrieren gegen Brexit
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