Massengrab im Mittelmeer : 700 Flüchtlinge sterben bei Bootstragödien

Immer mehr Flüchtlinge sterben bei Schiffsunglücken im Mittelmeer. Bis zu 700 könnten es allein in den vergangenen Tagen gewesen sein. Einige der Flüchtlinge erheben schwere Vorwürfe gegen die Schlepper.

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Mehr als 100.000 Flüchtlinge sind seit Jahresbeginn in Italien angekommen.
Mehr als 100.000 Flüchtlinge sind seit Jahresbeginn in Italien angekommen.Foto: dpa

Zwei neue Bootstragödien lenken den Blick auf die dramatische Situation der Armuts- und Krisenflüchtlinge, die von Nordafrika aus versuchen, übers Mittelmeer nach Südeuropa zu gelangen: Bei den beiden Unglücken vor der libyschen Küste sollen insgesamt bis zu 700 Menschen ertrunken sein.
Überlebende des jüngsten Dramas, welches sich Ende vergangener Woche auf halbem Wege zwischen Malta und Ägypten ereignete, berichten, dass ihr Boot mit einem anderen Flüchtlingskahn zusammengestoßen ist. Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) könnte es allein bei diesem Unglück rund 500 Todesopfer gegeben haben.
Wenn dies zutrifft, wäre es eine der größten Flüchtlingskatastrophen im Mittelmeer. An Bord der in dieses Unglück verwickelten Boote, die offenbar in der ägyptischen Hafenstadt Damiette ablegten und dann vor Libyen kenterten, waren vor allem Syrier, Palästinenser, Ägypter und Sudanesen.

Unfall oder Absicht?

Über den Unglückshergang gibt es widersprüchliche Aussagen der elf Überlebenden: Die IOM berichtete unter Berufung auf zwei Gerettete, welche auf der italienischen Insel Sizilien ankamen, dass das größere Schiff von einem kleineren, auf dem sich die Schlepper befanden, gezielt gerammt worden sei – um es zu versenken. Andere Überlebende, welche von Rettungsschiffen zum Inselstaat Malta gebracht wurden, bestätigten dies zunächst nicht und berichteten lediglich von einem Zusammenstoß der beiden Schiffe, die beide gesunken seien.


Die zweite Flüchtlingstragödie ereignete sich am Wochenende sehr nahe der libyschen Küste, wo ein Boot mit etwa 250 Flüchtlingen unterging, von denen nur 36 lebend gerettet werden konnten. „Es schwimmen viele Leichen im Meer“, berichtete ein Sprecher der libyschen Küstenwache nach dieser Tragödie.
Das Flüchtlingsschiff sei wenige Kilometer östlich der Hauptstadt Tripolis gekentert. Libyen ist derzeit das nordafrikanische Haupttransitland für Flüchtlinge aus Afrika und Syrien, um übers Meer nach Südeuropa zu gelangen. Weil es an Patrouillenschiffen mangele, sei auch die Suche nach Überlebenden schwierig, hieß es aus Tripolis.
Seit dem Sturz des Diktators Muammar al Gaddafi im Jahr 2011 streiten rivalisierende Milizen in dem Wüstenland, das fünfmal größer ist als Deutschland, um die Macht. Der ölreiche Riesenstaat treibt auf einen neuen Bürgerkrieg zu. Mit dem politischen Chaos sind auch die Grenzkontrollen an der Küste weitgehend zusammengebrochen, womit es die Menschenmafia einfach hat, täglich neue Boote Richtung Europa zu schicken.

2500 Flüchtlinge kamen seit Anfang des Jahres im Mittelmeer ums Leben

Seit Januar starben im Mittelmeer bereits annähernd 2500 Flüchtlinge – viermal mehr als im Vorjahr, in dem das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) insgesamt rund 600 tote „Boatpeople“ registrierte. Man geht aber davon aus, dass die tatsächliche Zahl der Opfer höher ist, da nicht alle Unglücke bekannt werden. Die Statistiken stützen sich auf Berichte von Überlebenden, Hinterbliebenen, Küstenwacht und Hilfsorganisationen.
Die meisten Flüchtlingsschiffe aus Nordafrika nehmen Kurs auf das gegenüberliegende Italien, wo seit Jahresbeginn bereits mehr als 100000 Boatpeople ankamen. Meist sind es wenig seetaugliche Holzboote oder sogar Schlauchboote, die sich völlig überladen auf den Weg übers Meer machen.
Die dramatische Situation könnte sich demnächst sogar noch weiter verschlechtern. Seit knapp einem Jahr versucht Italien mit der Operation „Mare Nostrum“ den Flüchtlingen zu helfen. Italienische Fregatten und Schnellboote holen regelmäßig Schiffsbrüchige aus dem Mittelmeer. Zuletzt machte die italienische Marine Anfang September Schlagzeilen, als die Besatzung der Fregatte „Euro“ vor Sizilien 600 Flüchtlinge rettete, unter denen sich eine hochschwangere Frau aus Gambia befand, die kurz danach auf der Fregatte ein Kind zur Welt brachte.
Vor einigen Wochen erklärte Innenminister Angelino Alfano jedoch, wegen der millionenschweren Kosten müsse die EU und ihre Grenzschutzagentur Frontex ab Oktober „Mare Nostrum“ übernehmen. Doch daraus dürfte nichts werden: „Gegenwärtig haben wir nicht die finanziellen Mittel, um die Operation ,Mare Nostrum‘ zu übernehmen“, sagte Frontex- Sprecherin Ewa Moncure dem Tagesspiegel.

UNHCR: Flüchtlinge stammen aus Krisenstaaten

Bundesinnenminister Thomas de Maizière von der CDU arbeitet deshalb gemeinsam mit seinen europäischen Amtskollegen an einer Lösung für das Flüchtlingsproblem im Mittelmeerraum. Bei ihrem nächsten Treffen wollen sich die EU-Innenminister dazu auf ein Paket konkreter Schritte einigen. Dies kündigte de Maizière nach einem Gespräch mit seinem italienischen Kollegen Angelino Alfano in Berlin an. Er sicherte Italien Hilfe bei der Bewältigung des Problems zu, verlangte von den dortigen Behörden aber auch, dass sie Flüchtlinge systematisch registrieren und nicht in andere EU-Staaten weiterreisen lassen. Außerdem müsse die EU den Kampf gegen Schleuser verstärken und die Zusammenarbeit mit den Herkunftsländern der Flüchtlinge intensivieren.
Das UNHCR weist darauf hin, dass viele jener, die ihr Leben auf dem Meer riskieren, Flüchtlinge sind, „welche vor Konflikten, Gewalt und Verfolgung fliehen“. Die meisten stammen aus Krisenstaaten oder aus Dürreländern der afrikanischen Sahelzone. Diese „dramatische Situation“ erfordere einen verstärkten Einsatz der Europäischen Union, erklärte das UNHCR. Die Flüchtlingsexperten warnten, dass diese Tragödien „Ausdruck einer zunehmenden Krise an Europas Außengrenzen“ sei.

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