Matthias Platzeck im Interview : "Ich kann völlig loslassen"

Matthias Platzeck – Ministerpräsident a.D. Und das soll es jetzt gewesen sein? Er lacht. Er läuft. Er fühlt sich wieder fit. Also: Zu früh aufgegeben? „Ich gucke mal, was das Leben noch so bietet.“ Fest steht: Matthias Platzeck bleibt in der Politik.

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Hat jetzt wieder Zeit für andere Sachen: Matthias Platzeck.
Hat jetzt wieder Zeit für andere Sachen: Matthias Platzeck.Foto: dpa

Fühlen Sie sich frei?

Ich habe mich nie unfrei gefühlt.

Das ist zu glatt als Antwort.

Ich bin noch nicht fertig.

Gut.

Ich habe mich wirklich nie unfrei gefühlt, deshalb wäre frei jetzt der falsche Begriff. Dass viel Druck weg ist, das spüre ich. Ich bin innerlich ruhiger. Weil nicht mehr so viele Dinge parallel bedacht und bearbeitet werden müssen und in mir kreiseln.

Was ist denn da, was in Ihnen auflebt?

(Lacht.) Es ist viel vorbeigerauscht in den Jahren. Jetzt fange ich an, gerade manch private Sache ruhiger zu bedenken, darüber auch zweimal nachzudenken.

Worauf freuen Sie sich?

Na zum Beispiel, dass ich teilweise wieder Herr meiner Zeitplanung bin. Also dass ich mir mal Dinge vornehmen kann, mit wem auch immer, und das selber bestimmen kann. Das ist schon eine neue Qualität, die kenne ich seit 1990 nicht.

Ist denn ein Politiker immer getrieben? Oder ist er nur einfach nicht in der Lage, seine Zeit anders einzuteilen?

Getrieben ist als Begriff so ähnlich falsch wie unfrei. Aber bei drei Ämtern gibt es einfach viele Notwendigkeiten und Zwänge. Aber: Ich habe mir das ja freiwillig alles ausgesucht, ich hab’s ja auch so gewollt. Und mein Büro sagt, ich hätte auch an mancher Termindichte selber Schuld gehabt, man hätte sich’s auch anders gestalten können, was ich natürlich „vehement“ zurückweise, weil ich schon glaube, man konnte’s nur ganz oder gar nicht machen. Es waren 24 wunderschöne Jahre, von denen ich keins missen möchte. Aber jetzt wird manches anders, und das ist auch gut.

Was würden Sie jetzt gerne machen? Musik hören, Gedichte lesen …

Bücher in Ruhe zu Ende lesen zum Beispiel. Es stapeln sich …

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… welches würden Sie jetzt gerne lesen?

… Ungefähr 250 vermute ich , die auf dem Stapel liegen, der sagt: Müsstest du lesen.

Alles Politik?

Nö, alles Mögliche. Ich lese auch mal gern einen Krimi, wenn er gut gemacht ist. Und viele Bücher, die in irgendeiner Form mit Geschichte zusammenhängen.

Also Alter Fritz … vier Bände …

Ja, ja, auch … aber vor allem Erster und Zweiter Weltkrieg und wie es dazu jeweils kommen konnte, das hat mich schon immer interessiert. Also: Wie sind die Zeiten davor gelaufen, was war da eigentlich.

Welches Buch liegt aktuell auf dem Nachttisch?

Im Moment liegt dort die Geschichte der NVA . Ich finde, auch die Sicht der ehemaligen Generäle hilft, Entwicklungen zu verstehen.

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Wenn man so lange im Geschäft ist, kommt man überhaupt ohne Politik aus?

Nö.

Wie definieren Sie dann Politik? „Nö“ sagt ja noch nichts aus.

Erstens bleibe ich Landtagsabgeordneter. Das füllt schon mal den Tag, die Woche mit Politik. Aber mich interessiert Politik auch darüber hinaus. Mich interessiert, was in Syrien passiert, mich interessiert, wie es in Venezuela weitergeht, mich interessiert, wie in Deutschland vernünftig und auch noch künftig Sozialpolitik gemacht werden kann. Undundund.

Das heißt konkret?

Politik muss immer das, was man sich vornimmt, Stück für Stück umsetzen. Ich sage bewusst: Stück für Stück. Johannes Rau hat mir mal beigebracht, dass Sinn unseres ganzen politischen Tuns ist, mit kleinen Schritten die Verhältnisse der Menschen immer ein Stück zu verbessern. Viel mehr sollte man sich nicht vornehmen, viel weniger aber auch nicht, hat er gesagt. Das habe ich verinnerlicht.

Wenn man sich das vorstellt, Sie als einfacher Abgeordneter – Sie gehen dann in den Umweltausschuss und agieren im Kleinen weiter?

Mit so was habe ich kein Problem. Ich war acht Jahre Minister und habe mich dann in meiner Heimatstadt als Oberbürgermeister zur Wahl gestellt, das ist schon eine andere Dimension, ein anderer Abstraktionsgrad, eine andere Ebene. Das hat mir damals aber kein Problem, sondern viel Freude gemacht. Genauso freue ich mich jetzt nach über zwei Jahrzehnten, mal die Regierungsbank im Visier zu haben und nicht von der Regierungsbank rüber zu gucken.

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