Matthies meint : Ich! Hier! Provokation! Stalin gut!

Die russischen "Nachtwölfe" tun das, was Motorradfahrer generell gern tun: provozieren. Aber ob Putin da seine Hände tatsächlich im Spiel hat, sei dahingestellt. Eine Glosse über eine Posse.

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Alexander Zaldostanow, der Präsident des russischen Motoradclubs "Nachtwölfe" unterwegs auf Moskauer Straßen.
Alexander Zaldostanow, der Präsident des russischen Motoradclubs "Nachtwölfe" unterwegs auf Moskauer Straßen.Foto: Zurab Dzhavakhadze/ITAR-TASS/dpa

Ein Motorradfahrer ist ein Motorradfahrer. Theoretisch. Denn praktisch gibt es so viele Untergruppen, dass wir Außenstehenden mit dem Sortieren kaum nachkommen. Da wären zunächst die Normalos, die sich einigermaßen an die Gesetze halten und nicht weiter auffallen. Dann haben wir die einsamen Kraftprotze, die, sobald es vor Karstadt grün wird, mit heulendem Pfeifen auf 170 beschleunigen; sie verbergen sich gern hinter bankräuberhaft verspiegelten Helmen und halten sich für eine Art Darth Vader des Straßenraums, bis der finale Alleebaum sie fällt oder die Ehefrau die Kohle für Windeln und Babybrei braucht.

Eine weitere wichtige Kategorie bilden die Rocker-Darsteller, die von ihrer sofahaften Sitzhaltung zum eher beschaulichen Tempo gezwungen werden. Sie machen dieses Manko durch Motorengeräusche wett, die an die Beschießung der Seelower Höhen erinnern und am besten morgens um acht im Villenviertel zur Geltung kommen.

Auch sie beziehen ihr Selbstwertgefühl aus dem Schrecken der Passanten, die sie gern Spießer nennen und am liebsten durch sinnloses, drohendes Formationsfahren beeindrucken. Gehören die russischen „Nachtwölfe“ in diese Gruppe? Sinnlos im engeren Sinn ist ihr Fahren nicht, denn sie wähnen sich auf den Spuren ihrer Großväter, die vor 70 Jahren allerdings im Panzer eingereist waren und ein klares politisches Ziel vor Augen hatten. Das klingt nach Gedenkstättenfahrt. Wikipedia sagt allerdings: Sie „sind misstrauisch gegenüber dem Staat und lehnen in ihrem Vereinsstatut gesetzliche Vorschriften ab“ – und sie finden angeblich die ukrainischen Separatisten toll. Das alles erinnert stark an Wladimir Putin, der sie deshalb auch als „Brüder“ bezeichnet. Ob er sie aber auch gleich persönlich nach Berlin geschickt hat? Politik ist jedenfalls schon mal subtiler aufgetreten.

Jedenfalls finden die EU-Behörden, dass das so nicht geht, und nehmen den Kampf mit allen Mitteln auf. Deutschland hat alle Visa annulliert, die Polen versuchen es mit peniblen Durchsuchungen und Einzelgesprächen. Dennoch werden einige sicher durchkommen und verzweifelt versuchen, die Berliner und alle anderen am Wegesrand auf sich aufmerksam zu machen. Ich! Hier! Provokation! Stalin gut!

Ja, da werden sie lachen, die Bandidos und die Angels und all die anderen Berliner Kuttenträger. Allerdings sollten sie ein wenig vorsichtig sein. Denn beim nächsten Mal kommt Putin vielleicht persönlich angefahren.

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