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Mauerbau : Gysi will nicht mehr in der "Jungen Welt" werben

Nach der Danksagung für 28 Jahre Mauer in der linksradikalen Tageszeitung "Junge Welt" will Gregor Gysi durchsetzen, dass die Bundestagsfraktion das Blatt nicht mehr als Werbemedium nutzt. 

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Gregor Gysi will nicht mehr in der "Jungen Welt" werben.
Gregor Gysi will nicht mehr in der "Jungen Welt" werben.Foto: dapd

Die Titelgeschichte der linksradikalen Zeitung „Junge Welt“ vom 13. August mit der Danksagung für 28 Jahre Mauer hat offenbar auch für Linksfraktionschef Gregor Gysi das Fass zum Überlaufen gebracht. Gysi sagte am Donnerstag dem Tagesspiegel, er habe mit dieser Zeitung „schon lange nichts mehr am Hut“. Er wolle durchsetzen, dass die Bundestagsfraktion die „Junge Welt“ künftig nicht mehr als Werbemedium nutzt.

Ohnehin würden in der Printausgabe keine Anzeigen mehr geschaltet. Ein Vertrag über Werbung in der Onlineausgabe laufe aus. „Ich werde dafür streiten, dass wir das nicht erneuern“, sagte Gysi. Eine „materielle Unterstützung“ der Zeitung sei nicht länger akzeptabel. Allerdings lehnte Gysi es unter Hinweis auf die Meinungsfreiheit ab, der „Jungen Welt“ grundsätzlich keine Interviews mehr zu geben beziehungsweise die Abgeordneten entsprechend anzuweisen.

Die „Junge Welt“, zu DDR-Zeiten Zentralorgan der Jugendorganisation FDJ, hatte aus Anlass des 50. Jahrestages des Mauerbaus ein Foto von Kampfgruppenangehörigen vor dem Brandenburger Tor veröffentlicht. Dazu hieß es: „Wir sagen an dieser Stelle einfach mal: Danke“. Darunter aufgelistet waren 13 vermeintliche Errungenschaften der DDR. Das Blatt bedankte sich unter anderem „für 28 Jahre Hohenschönhausen ohne Hubertus Knabe“, den heutigen Leiter der Gedenkstätte im früheren Stasi-Gefängnis.

In einem offenen Brief forderten prominente DDR-Bürgerrechtler anschließend von der Führung der Linken, die Zusammenarbeit mit der Zeitung einzustellen, Politiker sollten auch auf Namensbeiträge und Interviews verzichten. Die „Junge Welt“ ist laut Verfassungsschutz mit einer Auflage von mehr als 17 000 Exemplaren das bedeutendste Printmedium der linksextremistischen Szene, das Blatt habe der Klassenkampfidee nicht abgeschworen.

Auch in der Linkspartei löste die Titelgeschichte der „Jungen Welt“ eine erregte Debatte aus. Die Kulturpolitikerin Luc Jochimsen sagte: „Für eine linke und aufklärerische Zeitung, wie es die ,Junge Welt sein will, ist das unmöglich.“ Parteivize Katja Kipping verlangte, eine Sonderbehandlung der „Jungen Welt“ zu beenden und spielte so darauf an, dass die Zeitung als „parteinahes Medium“ bisher privilegiert mit Informationen versorgt wird.

Im Internet verlangten Genossen, die Kooperation mit dem Blatt einzustellen, der Zeitung keine Stände auf Veranstaltungen oder Parteitagen zu genehmigen. Das Organ verherrliche stalinistische und autoritäre Systeme, seine Stimmungsmache sei „unerträglich geworden“. Mehr als 300 Mitglieder unterzeichneten den Aufruf, darunter Parteivize Halina Wawzyniak, die Landeschefs von Berlin und Mecklenburg-Vorpommern, Klaus Lederer und Steffen Bockhahn, sowie der Berliner Bundestagsabgeordnete Stefan Liebich. Ex-Parteichef Oskar Lafontaine nannte Forderungen nach einem Boykott des Blattes im Deutschlandfunk „merkwürdig“: „Ich bin nicht verantwortlich für die Schlagzeilen irgendwelcher kleinen Presseorgane.“

Der linke Parteiflügel warnte vor einer Ausgrenzung der „Jungen Welt“. Die Strömung Antikapitalistische Linke, in der unter anderem Parteivize Sahra Wagenknecht vernetzt ist, sprach von einem „Angriff auf die Pressefreiheit“ und einem „fragwürdigen Verständnis von Demokratie“. Zum Inhalt des Blattes hieß es, die „Junge Welt“ sei „eben nicht käuflich“.

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