Mauerfall : Amerikanische Einheitsfeier

Der US-Rückblick auf 1989 mit Hillary Clinton fällt nach Stil und Inhalt etwas anders aus als die meisten deutschen Einheitsfeiern

Christoph von Marschall
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Nette Begrüßung. Hillary Clinton und Guido Westerwelle. -Foto: dpa

Hillary Clinton hat in Berlin eine emotional packende Rede gehalten – und Guido Westerwelle spricht sehr passabel englisch. Auch sonst fiel der Rückblick des „Atlantic Council“ auf das Jahr 1989 im Berliner Hotel Adlon am Sonntagabend typisch amerikanisch aus. Nicht die Leistungen der Staatsmänner standen im Vordergrund wie bei so vielen deutschen Gedenkstunden mit Helmut Kohl, Michail Gorbatschow, Hans-Dietrich Genscher und ihren Kollegen. Sondern der Freiheitswillen der Bürger.

Den feinen Unterschied schienen manche deutsche Medien gar nicht zu bemerken. Einige von ihnen berichteten unverdrossen, Klaus Wowereit und Guido Westerwelle hätten den „Freiheitspreis“ der in Washington beheimateten Denkfabrik „Atlantic Council“ erhalten. Das ist falsch. Was sollen die beiden auch beigetragen haben zur Wiedervereinigung? 1989 spielten sie noch keine großen Rollen.
Ausgezeichnet wurden vielmehr die Bürger von Berlin, das polnische Volk, die Tschechen und Slowaken, die Soldaten der Nato, das deutsche Volk sowie das amerikanische Volk für den auch nach 50 Jahren Ost-West-Teilung ungebrochenen Willen zur Einigung Europas. Stellvertretend nahmen herausragende ehemalige oder aktuelle Repräsentanten dieser Völker die Preise entgegen: der heutige Bürgermeister von Berlin, Wowereit; der erste frei gewählte Präsident Polens, Lech Walesa, sowie der letzte frei gewählte Präsident der Tschechoslowakei, Vaclav Havel; beide waren freilich verhindert und ließen sich vertreten. Der Nato-Oberbefehlshaber in Europa, Admiral James Stavridis; der neue deutsche Vizekanzler und Außenminister Guido Westerwelle sowie seine US-Kollegin Hillary Clinton.

Fünf Begrüßungsworte, sechs Hauptredner und sechs weitere Redner, die sie einführten – bei der in Deutschland üblichen Redelänge hätte sich so ein Marathon über vier, fünf Stunden hingezogen. Doch hier führten Amerikaner Regie: drei Minuten pro Begrüßung, maximal zehn für die Einführung eines Preisträgers samt dessen Dankworten; nur Hillary Clinton durfte ein bisschen länger ausholen. Nebenher wurde ein dreigängiges Dinner serviert. Nach gut zwei Stunden war alles vorüber - und die Gäste konnten beschwingt in Bars oder nach Hause weiterziehen.

Überraschende Anekdoten und ungewöhnliche Erinnerung mischten sich zu einer wohltuenden Kombination aus Unterhaltung und Ernsthaftigkeit. Estlands Präsident Toomas Ilves erzählte, wie die Prager Laterna Magica dank Vaclav Havel zu einem geistigen Bezugspunkt für ganz Ostmitteleuropa bis hinauf ins Baltikum geworden war. Tom Brokaw, der 1989 für den US-Sender NBC vor dem Brandenburger Tor stand, berichtete, wie er beinahe eine Nachrichtenente produziert hätte. Als am 9. November immer mehr Menschen die Mauer erklommen, setzte die Volkspolizei Wasserwerfer ein. Ein Mann hielt dem harten Strahl auf der Mauerkrone stand. Brokaw dachte, er habe einen Helden vor sich, und schickte Mitarbeiter los, den Mann vor die Kamera zu holen. „Doch dann war es nur ein betrunkener Obdachloser, der wochenlang keine Dusche gesehen hatte.“

Guido Westerwelle legte das vorbereitete Manuskript beiseite; manche, die es gesehen hatten, meinten, er solle sich nach besseren Redeschreibern umsehen. Er sprach dann weitgehend frei – auf Englisch. Und widerlegte so den von einer frühen Pressekonferenz stammenden Vorwurf, die Sprache sei ihm fremd. Mit einem humoristischen Rückblick auf seine Studienreise durch die USA als Vorsitzender der Jungliberalen – die, wie er sagte, zur „Gehirnwäsche“ wurde und ihm zum Amerikabewunderer machte – und Erinnerungen an gemeinsame Besuche mit seinem Vater im eingemauerten West-Berlin redete er sich in die Herzen der anwesenden Amerikaner.

Hillary Clinton hat offenkundig gute Redenschreiber. Und dazu Diplomaten im Führungsstab ihres Ministeriums, die damals in Warschau, Prag, Budapest und anderswo die Ereignisse hautnah erlebt und mitgestaltet hatten. Dieses Detailwissen floss in ihren Auftritt ein. Freiheit und Einheit waren nicht das zufällige Produkt eines Versprechers des damaligen DDR-Regierungssprechers. Sie waren die Krönung einer langjährigen Politik, die den Glauben an den Triumph der Freiheit über die Diktatur nie aufgegeben hatte. Sie ließ in ihrer Rede die Menschen auftreten, die den Durchbruch ermöglichten: den Elektriker einer Danziger Werft, der zum Streikführer wurde; die Menschenkette im Baltikum, zu der sich ein Viertel der Bevölkerung zusammenfand; die Tausenden, die in Ungarn demonstrierten und protestierten.

Das amerikanische Volk, das diese Politik über Jahrzehnte mit Steuermitteln unterstützt hatte, habe nicht wissen können, was die Europäer mit dem Geschenk der Freiheit anfangen würden. Doch die Bürger hätten an ein gutes Ende geglaubt. Deshalb konnten die USA den Umbruch vorbehaltlos unterstützen.

„Das Geschenk der Freiheit bringt auch eine Verantwortung mit sich“, betonte sie. Auch heute hätten die Befreiten die Aufgabe, den Freiheitskampf anderswo auf der Welt zu unterstützen. „Es gibt keine Mauer, die wir nicht zum Einsturz bringen können.“ Der 20. Jahrestag des Mauerfalls dürfe „nicht nur Anlass zum stolzen Rückblick“ sein, sondern „ein Ansporn zur Unterstützung der Freiheit, jetzt und in Zukunft.“

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