Medienpreis : Merkel ehrt Mohammed-Karikaturisten

Bundeskanzlerin Angela Merkel würdigt in Potsdam den dänischen Mohammed-Karikaturisten Kurt Westergaard - und spricht ein vehementes Plädoyer für Freiheitsrechte.

von und Christian Helten
Merkel übergibt den Medienpreis an Westergaard.
Merkel übergibt den Medienpreis an Westergaard.Foto: dpa

Unter großen Sicherheitsvorkehrungen hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Mittwoch den dänischen Karikaturisten Kurt Westergaard mit dem M100-Medienpreis auszeichnen. Westergaards Karikatur „Das Gesicht Mohammeds“, die den Propheten mit einer Bombe und brennender Zündschnur als Turban zeigt, löste in der islamischen Welt heftigen Protest aus. Die Zeichnung erschien am 30. September 2005 zusammen mit elf Zeichnungen von Kollegen zum gleichen Thema in der dänischen Zeitung „Jyllands-Posten“. Es kam zu militanten Drohungen und Gewalt, dutzende Menschen starben. Dänemark schloss wegen der gewalttätigen Proteste einige seiner Botschaften. Auf Westergaard und Kollegen ist seitdem ein Kopfgeld von insgesamt elf Millionen Dollar ausgesetzt. Es gab mehrere Morddrohungen und Attentatsversuche.

„Die Folgen für den Zeichner sollten uns mahnen“, sagte Merkel beim Festakt in der Orangerie des Potsdamer Schlosses Sanssouci. In Europa sei es möglich, solche Karikaturen zu veröffentlichen. „Egal, ob wir die Karikaturen geschmackvoll finden oder nicht, ob wir sie für nötig oder hilfreich halten - oder eben nicht.“Das Geheimnis der Freiheit sei der Mut, sagte die Kanzlerin, die darauf hinwies, dass sich die Deutschen derzeit an die Überwindung der SED-Diktatur und die Wiedervereinigung vor 20 Jahren erinnerten. „Wir wissen noch, was Unfreiheit bedeutet und sollten deshalb nie vergessen, wie wertvoll Freiheit ist.“ Merkel ging auch auf die Debatte um das Buch von Thilo Sarrazin ein. „Das Thema Sarrazin ist aber gerade kein Thema der Gefährdung der Meinungsfreiheit.“ Den Plan eines US-Predigers für eine öffentliche Koran- Verbrennung nannte Merkel “respektlos, sogar abstoßend und einfach falsch“.

Die Laudatio auf Westergaard hielt der ehemalige Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen Joachim Gauck. Er hob hervor, dass der Zeichner sich nicht in Feigheit geflüchtet habe und sich nicht habe einschüchtern lassen. Westergaard selbst sagte, die Auszeichnung bedeute ihm sehr viel. „Es ist die größte Anerkennung, die ich bekommen habe.“ Der undotierte Preis wird von der Potsdamer Journalistenvereinigung M100 vergeben.
Der Zentralrat der Muslime in Deutschland kritisierte Merkel für die Preisverleihung. Merkel ehre den Karikaturisten, der „unseren Propheten in unseren Augen mit Füßen getreten hat und uns alle Muslime eigentlich mit Füßen getreten hat“, sagte Generalsekretär Aiman Mazyek im Deutschlandradio. Grünen-Fraktionschefin Renate Künast sagte zu Merkels Auftritt: „Ich hätte es nicht gemacht“, sagte sie. Zwar herrsche Meinungsfreiheit auch in der Karikatur. „Aber wenn eine Bundeskanzlerin auch noch eine Rede dazu hält, verschärft sie den Ton.“

In den Sicherheitsbehörden stieß die Ehrung Westergaards durch Merkel auf Bedenken. „Ich sehe das mit gemischten Gefühlen“, sagte ein Experte, der ungenannt bleiben wollte, dem Tagesspiegel. Die Übergabe des Preises könnte gewaltbereite Islamisten in aller Welt dazu veranlassen, „Deutschland in den Fokus zu nehmen“. Wenn die Kanzlerin den von vielen Muslimen als „Schmäher des Islam“ verachteten Westergaard ehre, seien aggressive Reaktionen nicht auszuschließen. Andere Experten erinnerten an die libanesischen Kofferbomber, die im Juli 2006 in zwei Regionalzügen in Nordrhein-Westfalen Sprengsätze deponiert hatten. Einer der Täter begründete die Tat auch mit dem Nachdruck der Mohammed-Karikaturen im Tagesspiegel und anderen deutschen Zeitungen. Einige Sicherheitsexperten betonten allerdings, man müsse nicht vor jedem Risiko zurückschrecken. Die Ehrung Westergaards durch Merkel sei „eine Frage des Abwägens“. Wenn einem die Pressefreiheit wichtig sei, müssten die Gefühle von Islamisten zurückstehen.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

59 Kommentare

Neuester Kommentar