Mediziner im Nationalsozialismus : Jeder zweite Arzt war Mitglied in Hitlers Partei

Die Ärzteschaft will die Vergangenheit des eigenen Berufsstandes vor 1945 weiter erforschen lassen – und vor allem auch die Kontinuitäten, die es bis in die Nachkriegszeit hinein gegeben hat.

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Ärzte und Juristen als Angeklagte bei den Nürnberger Prozessen.
Ärzte und Juristen als Angeklagte bei den Nürnberger Prozessen.Foto: dpa

Der Ärztepräsident drückt sich nicht um deutliche Worte. „Die Wahrheit ist: Ärzte haben in der Zeit des Nationalsozialismus Tod und Leiden von Menschen herbeigeführt, angeordnet oder gnadenlos verwaltet“, sagt Jörg-Dietrich Hoppe. Und er benennt gleich noch eine zweite unschöne Wahrheit. Sie lautet: Die Ärzteschaft hat sich nach dem Krieg „erst spät, zu spät“ zu ihrer Schuld bekannt. Eine wirkliche Auseinandersetzung habe es, „bis weit in die 70er Jahre hinein nicht gegeben“. Bis heute sei die Rolle der Mediziner im NS-Getriebe „bei weitem nicht ausreichend aufgearbeitet“.

Dass solche Verdrängung auch für andere belastete Berufsgruppen, insbesondere die der Juristen, üblich war, ist dem Stuttgarter Medizinhistoriker Robert Jütte zwar einen Hinweis, nicht aber eine Rechtfertigung wert. Der Wissenschaftler hat von Hoppe den Auftrag erhalten, mit weiteren Experten den aktuellen Forschungsstand zu „Medizin und Nationalsozialismus“ zusammenzufassen. Sein Ergebnis, präsentiert auf 320 Seiten: In den vergangenen zwei Jahrzehnten ist dazu, wohl auch aus dem Nachholbedürfnis heraus, eine nahezu unüberschaubare Fülle an Arbeiten entstanden. Gleichzeitig aber gibt es immer noch „weiße Flecken“ und „große Forschungslücken“.

So fehlt aus Jüttes Sicht insbesondere ein Gesamtüberblick, der das Jahr 1945 nicht als „Zäsur“ beschreibt, sondern auch Kontinuitäten in die Nachkriegszeit beleuchtet. Das Leiden von Zwangssterilisierten etwa, die bis in die 70er Jahre hinein keine Entschädigung erhielten und sich teilweise Gutachtern aus der Nazizeit stellen mussten, sei nicht annähernd erforscht. Dasselbe gelte für den Umgang der NS-Mediziner mit alten Menschen und den „Verdrängungswettbewerb“, dem im Kriegsverlauf erst psychisch Kranke, dann Tuberkulose-Patienten zum Opfer fielen. Wenig wisse man auch über die 18 jüdischen Krankenhäuser in Deutschland und das Schicksal der 8000 jüdischen Ärzte, die 1933 mehr als 15 Prozent aller Mediziner stellten. Viele von ihnen wurden vertrieben oder ermordet, andere zu so genannten „Krankenbehandlern“ degradiert. Rund 700 habe es davon im Jahr 1938 gegeben, berichtete Jütte, über ihre Arbeit und ihr Schicksal wisse man fast nichts. Kaum beleuchtet seien zudem die konfessionelle Krankenversorgung, das Heilpraktikerwesen sowie Naturheilkunde und Homöopathie im Nationalsozialismus. Nur weil man so wenig darüber wisse, könnten solche Heilverfahren mit dem Hinweis verunglimpft werden, dass sie ja bereits unter Hitler gefördert wurden, meinte der Historiker.

Dem Forschungsbericht zufolge fielen den Euthanasieprogrammen der Nationalsozialisten fast 300 000 Menschen zum Opfer – und es stehe „zu erwarten, dass diese Zahl im Zuge künftiger Forschungen noch weiter heraufgesetzt werden muss“. Ausgeführt und betreut wurden diese Aktionen von Ärzten, die sich sich dem laut Jütte oft risikolos hätten entziehen können. Doch es ging auch um Einfluss, Ehrgeiz und Geld. Die Teilnahme von Ärzten an Zwangssterilisationen etwa sei durch bessere Honorierung stark befördert worden, berichtete Jütte.

1937 besaßen mehr als 45 Prozent der deutschen Ärzte das Parteibuch der NSDAP – den Forschern zufolge deutlich mehr als in anderen Akademikerberufen. Und die These, dass katholische Mediziner eher immun gewesen seien, lasse sich mit Blick auf die hohe NS-Affinität im Rheinland (56 Prozent) auch nicht halten. Die Ärzte seien von den Machthabern aufgewertet worden und hätten bereitwillig mitgemacht – bis zur systematischen Ermordung ganzer Gesellschaftsgruppen.

Das Wissen darum sei „unerträglich“, so Hoppe. Es sei aber auch Verpflichtung – und „eindringliche Mahnung, die ärztlichen Grundwerte gegen den Zeitgeist und staatliche Eingriffe zu verteidigen“.

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