• Potsdamer Neueste Nachrichten
  • Bootshandel
  • Qiez
  • zweitehand
  • twotickets
  • Berliner Köpfe
  • wetterdienst berlin

Mehr als reformbedürftig : Die Pflege wird zum Pflegefall

26.06.2013 19:08 Uhrvon

Deutschland wird älter - und immer mehr Menschen werden pflegebedürftig. Schon heute sind es 2,5 Millionen. Ihre Betreuung muss dringend reformiert werden. Eine Expertenkommission gibt dazu auf 250 Seiten Empfehlungen. Die Politik steht nun unter Zugzwang. Was muss sich ändern?

Es wäre die umfassendste Reform seit Einführung der Pflegeversicherung: die Einführung eines neuen Pflegebegriffs. Wie Pflegebedürftigkeit in Zukunft definiert werden soll, darüber haben Wissenschaftler und Verbandsvertreter 15 Monate lang im Auftrag der Bundesregierung beraten. Rund 250 Seiten stark sind die Empfehlungen, die das Expertengremium an diesem Donnerstag an Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) übergeben wird. Profitieren würden Demenzkranke, aber auch Pflegebedürftige mit Behinderungen oder psychischen Erkrankungen. Was die Politik aus den Vorschlägen macht, zeigt sich erst nach der Bundestagswahl. Doch auch die Fachleute waren sich nicht immer einig – vor allem wenn es darum geht, wie viel die Reform kosten darf.

Warum soll der Pflegebegriff geändert werden?

Schon bei ihrer Einführung im Jahr 1995 hatte die Pflegeversicherung einen Konstruktionsfehler, der in den vergangenen Jahren immer wieder bemängelt wurde: Bei der Entscheidung darüber, wer wie viel Geld aus den Pflegekassen erhält, werden in erster Linie die körperlichen Gebrechen eines Menschen betrachtet. Wer beispielsweise einen Schlaganfall hatte und halbseitig gelähmt ist, benötigt Hilfe beim Essen, im Haushalt, beim Anziehen, der Körperpflege oder dem Gang zur Toilette. Die Höhe der Leistung wird nach der Zeit berechnet, die ein Pfleger aufbringen muss – man spricht deshalb auch von „Satt-und-sauber-Pflege“ oder „Minutenpflege“. Die Experten des Medizinischen Dienstes erstellen ein Gutachten über den Grad der Hilfebedürftigkeit. Im Mittelpunkt steht der Zeitbedarf für die persönliche Pflege und die hauswirtschaftlichen Verrichtungen.

Bei dieser Art der Begutachtung sind lange Zeit viele Demenzkranke durchs Raster gefallen. Sie können sich in der Regel zwar selbst anziehen oder essen, benötigen aber dennoch Dauerbetreuung. Etwa weil sie den Weg zurück nicht mehr finden, wenn sie das Haus einmal verlassen haben, oder weil sie vergessen, dass sie das Bügeleisen angestellt haben. Kritiker sagen deshalb seit langem: Solange nur körperliche Einschränkungen betrachtet werden und nicht die geistigen und sozialen Fähigkeiten, kommen Demenzpatienten zu kurz. Aber nicht nur diese – das gilt auch für Behinderte oder Menschen mit psychischen Problemen.

Mit den letzten Pflegereformen wurden die Leistungen für Demenzkranke zwar verbessert. Seit Anfang dieses Jahres können Pflegebedürftige je nach Pflegestufe etwa 100 bis 200 Euro im Monat zusätzlich erhalten. Sie haben Anspruch auf Pflegegeld oder professionelle Pflegedienstleistungen. Die Gerechtigkeitslücke sei damit verringert, aber nicht beseitigt worden, kritisiert der Expertenbeirat – und schlägt einen komplett neuen Pflegebegriff vor.

Wie viele Menschen könnten von der Reform profitieren?

Insgesamt 2,5 Millionen Menschen sind derzeit nach Angaben des Statistischen Bundesamts pflegebedürftig. Mehr als zwei Drittel (70 Prozent) von ihnen werden zu Hause versorgt. Doch der tatsächliche Aufwand, der für ihre Pflege nötig wäre, wird oft nicht passend abgebildet. Mit einem neuen Pflegebegriff will die Politik auch auf die wachsende Zahl von Demenzkranken reagieren. Heute leidet jeder Vierte über 85 Jahren und jeder Dritte über 90 Jahren unter Demenz, wie Statistiken des Spitzenverbands der gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen zeigen. Insgesamt sind 1,2 Millionen Menschen in Deutschland betroffen. Bis 2060 könnte sich Prognosen zufolge ihre Zahl auf 2,5 Millionen verdoppeln.

Wer soll in Zukunft als pflegebedürftig gelten und damit Leistungen aus der Versicherung erhalten?

Im Vordergrund soll stehen, wie selbstständig ein Mensch im Leben steht – nicht nur bei bestimmten, körperbezogenen Verrichtungen. Auch pflegebedürftige Menschen „mit kognitiven Erkrankungen und psychischen Störungen“ sollen gleichberechtigt einbezogen werden. Die bisherige Zeitmessung soll entfallen, diese habe ohnehin nur „Scheingenauigkeit“ geliefert, heißt es in dem Entwurf des Gutachtens. Anstelle der bisherigen drei Pflegestufen schlagen die Fachleute fünf verschiedene „Pflegegrade“ vor.

Gleichzeitig soll auch das Begutachtungssystem umgestellt werden. Der Medizinische Dienst soll nicht mehr nur beurteilen, bis zu welchem Grad jemand in der Lage ist, sich selbst zu versorgen. Die Gutachter sollen auch die geistigen und sozialen Fähigkeiten der Betroffenen einschätzen. Neben den Pflegeleistungen und der hauswirtschaftlichen Versorgung soll die pflegerische Betreuung eine gleichwertige Leistung der Pflegeversicherung werden. Was das bedeuten kann, wird in dem Gutachten aufgelistet: So sollen Pflegebedürftige beispielsweise auch psychosoziale Hilfen erhalten im Bereich der Kommunikation oder im Umgang mit Emotionen sowie zur Bewältigung oder Verhinderung von Risikosituationen.

Es ist sechs Uhr morgens und Sie haben die wichtigsten Zeitungen schon gelesen. Oder die Tagesspiegel Morgenlage. Redaktionsschluss fünf Uhr morgens. Minuten später auf Ihrem Smartphone, Tablet oder Computer. Die kostenlose Nachrichten- und Presseschau gibt es für Politik-Entscheider oder Wirtschafts-Entscheider. Entscheiden Sie sich für eine oder beide.

Die Afghanistan-Connection


Sie waren zusammen im Afghanistan-Einsatz. Jetzt sitzen sie auf entscheidenden Posten im Ministerium. Sie prägen das Bild, das sich die Ministerin macht. Sie bestimmen Ausrichtung, Struktur und Selbstverständnis der Truppe. Welche Folgen hat das für Deutschlands Sicherheit?
Eine Recherchekooperation des Tagesspiegels mit dem ARD-Magazin "Fakt".

Die Afghanistan-Connection
25 Jahre Mauerfall

Mauerfall

Der Mauerfall jährt sich zum 25. Mal. Wie haben die Berliner den Mauerfall erlebt? Und was ist am 9.11.1989 genau passiert? Der Tagesspiegel berichtet über das historische Ereignis.

Folgen Sie unserer Politikredaktion auf Twitter:

Dagmar Dehmer:


Andrea Dernbach:


Cordula Eubel:


Fabian Leber:


Matthias Meisner:


Elisa Simantke:


Christian Tretbar:


Claudia von Salzen:

Umfrage

Ist Rot-Rot-Grün auch auf Bundesebene eine zukünftige machtpolitische Alternative zur großen Koalition?

Tagesspiegel twittert

Service

Empfehlungen bei Facebook

Weitere Themen

Todesopfer rechter Gewalt

Der Tagesspiegel im Sozialen Netz