• Mehr Flüchtlinge in den Osten?: "Dem Osten wurde es erspart, Einwanderungsland zu werden"

Mehr Flüchtlinge in den Osten? : "Dem Osten wurde es erspart, Einwanderungsland zu werden"

Baden-Württembergs Ministerpräsident will mehr Flüchtlinge in die Ostbundesländer schicken. Dort sei Platz genug. Anetta Kahane, Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung, kann der Idee etwas abgewinnen.

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Schwarz-rot-bunt: Einbürgerungsfest in Dresden im Juni 2015
Schwarz-rot-bunt: Einbürgerungsfest in Dresden im Juni 2015Foto: Arno Burgi/dpa

Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann will mehr Flüchtlinge in  die Ost-Bundesländer schicken. Dort würden ganze Straßenzüge abgerissen, während Großstädte – er meinte wohl seine – aus allen Nähten platzten. Wäre das klug?

Wenn ich einmal von seinen vermutlich egoistischen Motiven absehe: Kretschmann hat Recht. Im Osten gibt es gemessen an der Bevölkerung noch immer zu wenig Menschen, die sichtbar Minderheiten angehören, die zum Beispiel schwarz sind. Und es gibt einen Strukturwandel, ganze Gegenden entvölkern sich. Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, würde ich sagen: Es ist Zeit für die zweite Wende und einen neuen Aufbau Ost, infrastrukturell, emotional, kulturell.

Anetta Kahane
Anetta KahaneFoto: Stephanie Pillick/dpa

Was meinen Sie damit?

Es war die größte Bankrotterklärung der deutschen Politik nach der Wende, dass sie zuließ, dass ein Drittel des Staatsgebiets weiß blieb. Aus Angst vor den Skins und denen, die mit ihnen sympathisierten, hat man diesem Teil des Landes die Zumutung erspart, eine Einwanderungsgesellschaft zu werden. Inzwischen haben wir aber eine andere Situation. Die Leute sind ja schon da. Städte wie Leipzig und Rostock haben bereits eine bunt gemischte Einwohnerschaft.

Dann ist man doch auf dem Weg, oder?

Nicht in der Fläche und den Kleinstädten. Wo immer ein Vietnamese oder Türke ein Restaurant aufgemacht haben, bekamen die Leute Stress, wurden Scheiben eingeschlagen oder Imbisse angezündet. Das hat viele weitere Migranten abgeschreckt. Genau das war die erklärte Strategie der Nazis, die Behörden haben nichts dagegen unternommen. Und können sich jetzt brüsten: Es gibt bei uns keinen Rassismus. Es gibt ja kaum Migranten.  

Und Sie meinen, das kann man Flüchtlingen zumuten, sozusagen den Kopf hinzuhalten in Gegenden, wo sie um ihr Leben fürchten müssen?

Natürlich nicht. Und es ist tatsächlich die Frage, wie sie geschützt werden. Es gibt im Osten  mehr Unerfahrenheit mit Fremden, mehr Abwehr. Wenn wir die Umverteilung ändern, wie Kretschmann es vorschlägt, dann muss es dafür auch den politischen Willen geben, die entsprechenden Regionen dabei zu unterstützen. Das sind dann auch bessere Bedingungen für Engagement, das dann kommen wird.   

Geld oder gute Worte - was braucht es aus Ihrer Sicht?

Wenn Sie Wessi sind: Überlegen Sie einmal, wie viele interkulturelle Schulungen und Vorträge Sie schon gehört haben, wie oft sie mit Migranten gefeiert oder im Betrieb geredet haben. Das gehört zum Alltag. Im Osten sind die Leute nie damit konfrontiert, weder im Betrieb noch in der Schule. Null. Ich hab da eine einfache Idee: Wieso nicht Strukturförderung im Osten mit Prämien für einwanderungsgesellschaftliches Engagement verbinden? Für jedes öffentliche Projekt gibt es Auflagen, zur Einhaltung des Mindestlohns, Geschlechtergerechtigkeit, Nachhaltigkeit. Alles gut. Nur Auflagen für Diversität gibt es nicht.

Die Forderung nach einer neuen deutschen Einheit in einer pluralen Gesellschaft gibt es dafür bis in die Union hinein – Nordrhein-Westfalens CDU-Chef Laschet spricht schon länger davon, der Generalsekretär Tauber hat das zu seinem Projekt gemacht.

Sehr einverstanden. Aber da geht es nicht nur um Migranten und Nichtmigranten, sondern auch um eine zweite Einheit Ost-West.Es ist doch ein Unding, dass nur noch wenige Schulklassen aus dem Ruhrgebiet sich noch nach Mecklenburg-Vorpommern wagen. Es gab gezielte Überfälle, mit dem – von den Tätern gewünschten – Ergebnis, dass Einwanderereltern ihre Kinder nicht mehr mitfahren lassen.

Willy Brandt sprach 1989 vom Zusammenwachsen dessen, was zusammengehört…

… und meinte die weißen Deutschen. Das hat einen Auftrieb für Nationalismus und Rassismus ausgelöst. Es waren aber auch damals schon ein paar Millionen andere da. Die wurden glatt vergessen. Wenn damit jetzt Schluss wäre, fände ich das ausgezeichnet.

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