Mein Sommer in BERLIN : Die Schätze im Schatten der Stadt

Wie schön Berlin im Sommer ist! Viel schöner als jede andere europäische Hauptstadt. Und die Stadt gehört mir ganz allein!

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Tagesspiegel-Kolumnistin Pascale Hugues liest und diskutiert im Tagesspiegel-Salon.
Tagesspiegel-Kolumnistin Pascale Hugues.Foto: Thilo Rückeis

In den Ferien zu Hause bleiben. Auf den ersten Blick könnte das wie eine Strafe aussehen. Hausarrest, wenn ganz Berlin auf den großen Almauftrieb zieht, ins Gebirge, ans Meer, auf die Alm, zu fernen Firmamenten und in befreiende Tropen – und ich, ich bleibe in Berlin. Mein ganz persönliches Firmament wird vom Haus gegenüber begrenzt. Und meine exotischen Tropen nennen sich Müggelsee. Man könnte sich also ganz leicht in den grauen Umhang der Lustlosigkeit und der Frustration hüllen. Neidisch zu den gefüllten Flugzeugen schauen, wie sie durch den Himmel schweben, zu den Zügen unterwegs in die Süße des Südens, zu den verstopften Autobahnen, auf denen man in die Wonne rollt. Und ich? Ich rühre mich nicht vom Fleck. Ganz allein halte ich Wache und warte auf die Rückkehr der Glücklichen.

Wer will schon in der Wartehalle von Schönefeld stehen?

Zu diesem deprimierenden Blues gibt es ein Gegenmittel: Stellen Sie sich am Anfang der Schulferien in die Abflughalle des Flughafens Schönefeld, und all Ihr Bedauern wird davonsegeln wie ein Schwarm Schmetterlinge in den strahlenden Sommerhimmel. Das Gedränge, die Hitze, der saure Schweißgeruch aus den Achselhöhlen, die vom Stress zerfurchten Stirnen, das genervte Geschrei, die erschöpft auf den Koffern zusammengesunkenen Kinder, die Warteschlangen der Abgehetzten, die gegen die Schalter branden, das mürrische Bodenpersonal, der große antiterroristische Striptease an den Sicherheitskontrollen. Angesichts dieses Spektakels ein einziger Impuls: Bloß weg von hier. In ein Taxi springen und dem Fahrer sagen, er solle wenden und bitte so schnell wie möglich in das verlassene Berlin fahren. Gegen die Strömung. Nach Hause fahren und sich den ganzen Sommer nicht mehr rühren. Und beim Drehen des Schlüssels im Schloss eine nicht ganz faire Freude: Berlin gehört mir ganz allein! Was für ein unerhörter Luxus!

Und wie schön Berlin im Sommer ist! Viel schöner als jede andere europäische Hauptstadt! Wenn der Duft der großen trockenen Wiesen von Brandenburg die überhitzten Straßen streichelt. Wenn man sich gegen Abend in das klare Wasser eines Sees gleiten lässt. Wenn man die Nacht in einem Club durchtanzt, wenn man den Puls der Zeit vergisst, wenn man beim Hinausgehen die Morgenröte erblickt. Wenn man mit dem Fahrrad die Luft durchschneidet und sich in den stillen Straßen so frei fühlt. Und dann ins Bett sinken, erschöpft und glücklich, die Fenster weit offen, die in der Brise raschelnden Blätter der hohen Bäume auf dem Hinterhof und dieser so kräftige, so betäubende Geruch nach Linden und nach Erde.

Ich fühle mich ein bisschen wie Ali Baba

Der Berliner Sommer ist brutal. Er naht nicht mit kleinen gemessenen Schritten auf dem Barometer. Er will uns nicht schonen. Hier stürzt der Sommer mit großer Heftigkeit herein und schlägt uns nieder. In einer Nacht schnellt das Barometer von 15 auf 30 Grad. Vor dem Schlafengehen zieht man die Stiefel aus. Am Morgen zieht man die Sandalen an. Aber in Berlin sind die Hundstage erträglicher als in Paris, wo man zwischen den hohen Fassaden der Haussmann’schen Gebäude um Luft ringt. Im Sommer ist Paris ein höllischer Glutofen. Eine Stadt kurz vor dem Erstickungstod. Berlin atmet, seine Schatten sind großzügig, seine Gewässer erfrischend.

Ich fühle mich ein bisschen wie Ali Baba, der plötzlich eine mit Edelsteinen gefüllte Höhle entdeckt. Nur dass meine Höhle nicht im Orient von Tausendundeiner Nacht liegt, sondern ganz einfach vor meiner Tür, in dieser Stadt, die mir in der Zeit, seit wir so stetig miteinander Umgang pflegen, schon fast zu vertraut geworden ist. Und nun entdecke ich, wenige Schritte von meiner Wohnung, einen Diamanten: ein kleines Café, das ich noch nie gesehen habe und auf dessen Terrasse man sich beim stundenlangen Lesen so schön erholen kann. Ein Rubin: diese hohe und merkwürdig geneigte Platane, die mich direkt in die Provence trägt, in die Ferien meiner Kindheit. Ein Amethyst: dieser anmutige Springbrunnen in einer Stadt, in der Anmut ein so rares Gut ist. Wenn man in den Ferien zu Hause ist, schweift der Blick und zögert. Er hat Zeit, und er nimmt sie sich. Und wird überrascht … Das Alltagsdekor zeigt plötzlich ganz neue Konturen, die wir gar nicht mehr bemerkt haben, eine unerwartete Ausstrahlung.

Und in ein paar Wochen kommen sie zurück, die Abenteurer des Strandes und der Gipfel, mit sonnenverbrannter Haut, von der Rückreise schon wieder erschöpft. Dann werde ich in ein Taxi springen. Ich werde dem Fahrer sagen, er solle wenden und bitte so schnell wie möglich zu einer kleinen Bucht in Südfrankreich fahren, in eine Ecke vom Paradies. Niemand wird mehr da sein. Es wird nicht mehr zu heiß sein. Das Meer wird warm sein. Und ich werde – mit einem Hauch von Schadenfreude, muss ich zugeben – an die Berliner denken, die auf ihren Bürostühlen kleben. Jedenfalls habe ich bei diesem Tausch nicht den Kürzeren gezogen.

Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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