Politik : Menschenrechtler: Die Hälfte aller Neonazis lebt in Russland

Elke Windisch[Moskau]

Dem russischen Präsidenten Wladimir Putin dürfte der Bericht des Moskauer Büros für Menschenrechte nicht gefallen: Nach Erkenntnissen der Autoren sind weltweit gegenwärtig gut 120000 Neonazis aktiv. Die Hälfte davon lebt in Russland – zwischen 50000 und 60000, Tendenz steigend, Experten rechnen bald schon mit 80000.

Die alarmierendsten Zahlen kommen aus St. Petersburg, wo der SkinheadSzene 15000 Anhänger zugerechnet werden. In Moskau, wo die Behörden hart durchgreifen, sind es zwar nur noch 2500. Regen Zulauf verzeichnen dagegen die Gruppierungen in anderen Millionenstädten wie Jekaterinburg im Ural. An Boden gewinnen die Neonazis jetzt auch in Städten mittlerer Größe. Das gilt vor allem für Südrussland, wo die Verfolgung von ausländischen Studenten, Kaukasiern und Menschen aus den ehemaligen Unionsrepubliken Zentralasiens an der Tagesordnung ist.

Soziale Einschnitte und sinkendes Bildungsniveau, aus Sicht von Experten die Hauptursachen für den Zulauf, den Neonazi-Vereinigungen in Russland trotz Verbot verzeichnen, sorgen auch bei etablierten politischen Parteien für die zunehmende Radikalisierung der Basis. Das gilt nicht nur für die Nationalisten aus Wladimir Schirinowskijs so genannter Liberaldemokratischer Partei, sondern auch für die Altstalinisten-Fraktion bei den Kommunisten oder die linken Hurrapatrioten des Linksbündnisses „Rodina“ (Heimat), die schon des Öfteren mit nassforschen Sprüchen auffielen. Ähnliche Töne sind auch von „Naschi“ (Die Unsrigen) zu hören – einer kremlnahen Jugendorganisation, die sich im März gründete und wegen der anhaltenden Schwäche der Putin-Hausmacht „Einiges Russland“ zur neuen Machtpartei hochgerüstet werden soll.

Losungen wie „Russland den Russen“ werden nach Umfragen bereits von über 53 Prozent der Befragten unterstützt. Nationalismus und Ausländerfeindlichkeit, meint Emil Pain, der Direktor des Zentrums für ethnologische Studien, würden vor allem bei Menschen unter 30 zunehmend populär, die sich von den politischen Entwicklungen in Russland zunehmend enttäuscht zeigten.

0 Kommentare

Neuester Kommentar