Meryl Streep und Alice Schwarzer gegen Amnesty : Sexarbeit ist kein Verbrechen

Amnesty International kämpft für die Straffreiheit von Sexarbeit. Prominente wie Meryl Streep oder Alice Schwarzer kritisieren das in einem offenen Brief - sie liegen falsch damit. Ein Gastkommentar.

Alexandra Belopolsky
In einem Bordell in Freiburg wartet eine Prostituierte auf Kundschaft.
In einem Bordell in Freiburg wartet eine Prostituierte auf Kundschaft.Foto: dpa

Amnesty International setzt sich für die Entkriminalisierung des Kaufens und Verkaufens von einvernehmlichem Sex zwischen Erwachsenen ein – nachdem die Menschenrechtsorganisation sich längere Zeit mit Sexarbeitern beraten hatte. Amnesty vertritt die Auffassung, Staaten seien dazu verpflichtet, die Diskriminierung von Sexarbeitern zu bekämpfen. Damit haben viele Feministinnen offenbar ein Problem. Die Verteidigung von Sexarbeiter-Rechten ist für sie anscheinend so unerträglich, dass sie einen offenen Brief an Amnesty aufgesetzt haben, um die Entscheidung, den Sexarbeitern zuzuhören, zu kritisieren. Zu den vielen prominenten Unterzeichnern gehören Meryl Streep, Lena Dunham und Alice Schwarzer.

Sexarbeit und das Recht auf Abtreibung

Es sind die gleichen Feministinnen, die das Recht auf Abtreibung vehement damit verteidigen, dass jede Frau das Recht habe, Entscheidungen über den eigenen Körper zu treffen. Dass es Wahlfreiheit geben müsse, auch wenn manche Frauen eine solche Entscheidung selber nie treffen würden und sogar stark dagegen seien. Dass Kriminalisierungen und Verbote Abtreibungen nicht vermindern, sondern sie vielfach nur gefährlicher machen. Eine lupenreine Logik, die auch für Sexarbeit gilt. Aber diesen Feministinnen scheint sie in diesem Fall einfach nicht zu passen.

Es wäre natürlich falsch von „den Feministinnen“ zu reden, weil der Feminismus so viele Strömungen hat. In den vergangenen paar Jahrzehnten vermehren und verstärken sich die sogenannten „sex-positive“ Stimmen. Diese vertreten die Meinung, dass alles, was zwischen Erwachsenen in vollem Einvernehmen im Bett passiert, legitim sei – so unvorstellbar wie es anderen auch scheinen mag. Das öffentliche Gesicht des Feminismus sind allerdings immer noch die Alice Schwarzers und Gloria Steinems der Welt, die ein an sich grundsätzlich anti-feministisches Konzept vertreten - das Kontrollieren des freiwilligen sexuellen Verhaltens anderer Menschen. Um das zu schaffen, wischen sie einfach alle Stimmen zur Seite, Fakten und Argumenten, die in ihr Vorurteil nicht passen. Es könne einfach nicht sein, dass manche Menschen Sexarbeit freiwillig nachgehen. Bestimmt würden sie sofort ihren Beruf aufgeben, wenn wir ihn nur verbieten würden, so deren Argument.

Um die Stigmatisierung durchzuhalten, redet man von Menschenhandel und Sexarbeit, als seien sie ein und dasselbe. Ein beliebtes Argument sind häufig Statistiken über Sexarbeiter, die vor dem Eintritt in den Beruf Missbrauch erlebt haben. Ich kenne leider viele, viel zu viele, Frauen, die als Kind missbraucht oder als Erwachsene vergewaltigt worden sind. Manche von ihnen haben auch mal Sexdienstleistungen angeboten, viele nicht. Es gibt Weniges was sie - Sexarbeiterinnen oder nicht - so wütend macht, wie diese entmachtende Rhetorik der Sexarbeit-Gegner. Für sie fühlt es sich an, als ob ihnen durch den einmaligen Missbrauch die Entscheidungskraft über den eigenen Körper für alle Ewigkeit entzogen wäre.

Sich nicht als Verteidiger der Sexarbeiterinnen darstellen

Amnesty International will Staaten dazu bringen, Gesetze zu kippen, die dazu führen, dass es zur Verletzung von Menschenrechten der Sexarbeiter kommt. Sexarbeiter berichten, dass eine Kriminalisierung sie verletzlicher mache. Die Sperrung von Online-Portalen zum Beispiel, wo sie ihre Klientel unabhängig kontrollieren und einander beraten können, zwinge ihnen Zuhälterei auf. Dies will jetzt Amnesty unter anderem ändern. Doch der inzwischen zur Online-Petition gewordene Brief spricht von der „Zuhälterei-Entkriminalisierung“, die Amnesty angeblich unterstütze - obwohl man nur das eigentliche Resolutionspapier lesen muss, um das Gegenteil zu beweisen.

Vor einigen Jahren versuchte Frankreich, unter dem riesigen Protest von Sexarbeitern, den Kauf von Sexdienstleistungen zu kriminalisieren. Die damalige Ministerin für Solidarität und sozialen Zusammenhalt, Roselyne Bachelot, behauptete, freiwillige und einvernehmliche Prostitution existiere nicht. Diese Meinung scheinen auch die Brief-Unterzeichner zu teilen – egal, wie viele Menschen, die ihren Lebensunterhalt mit Sexarbeit verdienen, das Gegenteil behaupten. Es wäre schön, wenn die Brief-Unterzeicher sich zumindest nicht als deren Verteidiger darstellen würden.

Alexandra Belopolsky ist Journalistin. Derzeit studiert sie im Masterstudiengang International Media Studies an der Deutsche Welle Akademie.



 

 

 

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