MH17 : Absturz in der Ukraine - die Bilanz zum Jahrestag

Kein Unglück wurde bislang politisch so instrumentalisiert wie der Absturz des Malaysia-Airlines-Fliegers. Prorussischen Separatisten oder ukrainische Streitkräfte - Wer ist verantwortlich für den Tod von 298 Menschen?

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Überreste der Boeing 777. Ermittler konnten lange nicht an die Wrackteile, weil der Absturzort an der Frontlinie lag.
Überreste der Boeing 777. Ermittler konnten lange nicht an die Wrackteile, weil der Absturzort an der Frontlinie lag.Foto: dpa

Was wurde seit dem Absturz von MH17 nicht alles aufgefahren, um die Schuldfrage zu klären. Radarbilder, Satellitenfotos, angebliche Zeugen, Expertenanalysen, Telefonmitschnitte und unzählige Beweisstücke mussten in der Propagandaschlacht herhalten um zu belegen, dass die prorussischen Separatisten oder aber die ukrainischen Streitkräfte für den Tod von 298 Menschen verantwortlich sind. Pünktlich zum Jahrestag des Unglücks tauchten nun Informationen aus dem Abschlussbericht der niederländischen Ermittler – der erst im Oktober veröffentlicht werden soll – bei CNN auf, und diese Informationen haben es in sich.

Die Ermittler sollen den Flugverlauf minutengenau nachgezeichnet und dabei eindeutig festgestellt haben, dass die Separatisten die Boeing 777 mit einer Buk- Rakete abgeschossen haben. Auch Malaysia Airlines wird in dem Bericht scharf kritisiert, da die Fluggesellschaft im Gegensatz zu anderen Airlines weiter über das Kampfgebiet geflogen ist.

Die russische Regierung hatte zuletzt ihre anfängliche These, wonach ein ukrainisches Flugzeug MH17 vom Himmel geholt haben soll, immer mehr zu Gunsten einer Version mit dem Abschuss durch eine Buk-Rakete aufgegeben. Allerdings sollen laut Moskau die Ukrainer diese Rakete abgefeuert haben. Es ist kaum zu erwarten, dass der Abschlussbericht bewirkt, dass Russland nun ebenfalls die Separatisten beschuldigt. Der Absturz von MH17 war ein emotionaler Wendepunkt im Krieg um den Donbass – keine Seite kann nun hinter ihre eigenen Behauptungen zurückfallen.

UN-Botschafter gegen die Einrichtung eines internationalen Gerichtes

Während die Regierung Malaysias eine Untersuchung durch die Vereinten Nationen (UN) forderte, sprach sich der russische UN-Botschafter Witali Tschurkin erneut gegen die Einrichtung eines internationalen Gerichtes unter UN-Schirmherrschaft aus. Er sprach von einer „politischen Inszenierung“ und vom Versuch einer „Vorfestlegung“ von Schuldigen.

Viele Familien der Opfer wollen nicht länger warten. Vor einem Gericht in Chicago wurde Anklage von 18 Opfer-Familien gegen den Separatistenchef Igor Girkin eingereicht. Dieser habe befohlen, die Maschine abzuschießen. Girkin soll damals Mitarbeiter des russischen Militärgeheimdiensts gewesen sein – und damit seine Befehle direkt aus Moskau erhalten haben. Die Angehörigen fordern 900 Millionen US-Dollar. Girkin hatte nach dem Abschuss in einem sozialen Netzwerk gepostet: „Wir haben euch gewarnt, fliegt nicht durch unseren Himmel.“ Später wurde dieser Post entfernt. Girkin verneint seither vehement, diese Zeilen geschrieben zu haben. Eine Anklage Girkins hätte wohl vor allem symbolischen und emotionalen Wert.

Sie wollten "jeden Stein umdrehen" - und kamen nicht an die Absturzstelle

Mit einer besonderen Aktion wollen der kremlkritische Oligarch Michail Chodorkowski und seine Stiftung „Offenes Russland“ an das Unglück erinnern. Sie haben eine schematisierte Darstellung der Unglücksmaschine auf ihre Website gestellt. Dabei wurde auch die Sitzbelegung rekonstruiert. Besucher der Website sollen einen konkreten Namen und das dazugehörige Foto anklicken, dieses und das Flugzeug-Schema ausdrucken, das Foto an die richtige Stelle kleben und sich mit dem gefalteten Papierflieger an einer Schweigeminute beteiligen. Sie findet am heutigen Freitag genau zur Unglückszeit statt – in Moskau 17.20 Uhr, in Mitteleuropa eine Stunde früher.

Bei kaum einem anderen Unglück haben sich in den vergangenen Jahren emotionale Betroffenheit und politische Instrumentalisierung so sehr vermischt wie beim Absturz von MH17. Der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte sagte nach dem Unglück: „Wir werden alles tun, um die Verantwortlichen dafür zur Rechenschaft zu ziehen. Wir werden jeden Stein umdrehen.“ Doch allein der Zugang zu den Steinen, die umgedreht werden sollten, war lange versperrt, das Absturzgebiet lag direkt an der Front.

Für Kiew war die Schuldfrage ohnehin sofort nach dem Abschuss geklärt

Dann gingen Bilder von Separatisten um die Welt, die angeblich respektlos mit dem Hab und Gut der Getöteten hantierten und diese damit verhöhnten. Das bekannteste Bild stellte sich nachträglich als aus dem Zusammenhang gerissen heraus, der vorgebliche Unmensch in Uniform bekreuzigte sich, wie in einem Video zu sehen war, respektvoll vor den Toten. Doch da war die weltweite Wutwelle gegen die Separatisten schon angerollt.

Ein australisches Medienhaus hat ein Video veröffentlicht, das offenbar pro-russische Separatisten kurz nach dem Absturz an der Unglücksstelle zeigt. Sie könne das Material nicht verifizieren, sagte die australische Außenministerin Julie Bishop am Freitag im Fernsehen. „Ich habe das Material gesehen, es ist widerlich, das anzuschauen.“ Auf dem Video sind brennende Wrackteile sowie Koffer zu sehen. News Corp Australia hat die Stellen, auf denen Leichen zu sehen sein sollen, unkenntlich gemacht. Separatisten sollen zu hören sein, wie sie telefonieren. Sie berichten demnach Gesprächspartnern, dass es sich um ein ziviles Flugzeug handele und die Toten Ausländer seien. „Wer hat ihnen erlaubt, durch diesen (Luft)korridor zu fliegen?“, fragt einer laut Übersetzung. Einige öffnen Rucksäcke, ziehen Kleidung heraus und nehmen elektronische Geräte in Augenschein.

Für Kiew war die Schuldfrage ohnehin sofort nach dem Abschuss geklärt. Schon zwei Stunden später verkündete der Berater des ukrainischen Innenministers Anton Geraschtschenko in einem erstaunlich detaillierten Bericht den Hergang samt präziser Opferzahl: „Terroristen haben mit einem liebevoll von Putin übergebenen Flugabwehrsystem Buk ein ziviles Flugzeug abgeschossen.“ Keine Spur von vorsichtigen Formulierungen oder dem Hinweis auf offene Fragen, wie das sonst bei Katastrophen üblich ist.

Später versuchte Moskau mit Satellitenfotos und einem ukrainischen Piloten, der nach Russland geflüchtet war, die Schuld der Ukrainer zu belegen. Diese Beweise stellten sich als konstruiert und erfunden heraus. Spätestens als dann auch die Ukrainer mit nachweislich gefälschten Radaraufnahmen kamen, wurde die Schuldfrage beim Absturz von MH17 endgültig zu dem, was sie wohl auch nach dem Abschlussbericht der niederländischen Ermittler bleiben wird und was der ganze Ukraine-Konflikt ist: ein Wettkampf der Überzeugungen auf dem Grab, in dem die Wahrheit begraben liegt.

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