Midterms in Amerika : US-Kongresswahlen: Mobilisierung in Echtzeit

Bei der US-Kongresswahl geht es nicht nur um die "lahme Ente" Barack Obama, sondern auch um das beste Datenmaterial für den Präsidentschaftswahlkampf 2016.

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Noch Einkaufskorb oder schon Wahlkabine? In Brooklyn (New York) ist sich dieser kleine künftige Wähler nicht so sicher.
Noch Einkaufskorb oder schon Wahlkabine? In Brooklyn (New York) ist sich dieser kleine künftige Wähler nicht so sicher.Foto: dpa

Wood County ist ein einsamer Flecken im Norden des US-Bundesstaats Ohio. Hier, nahe der kanadischen Grenze, rühmen sie sich dreier Interstate Highways auf ihrem Gebiet. Viel mehr gibt es auch nicht zu bewerben. Die etwa 120 000 Einwohner führen ein meist ländliches Leben. Und die überwiegende Mehrheit an Weißen repräsentiert nicht gerade die amerikanische Bevölkerungsmischung. Trotzdem war das County in den vergangenen Präsidentschaftswahlen immer auf der richtigen Seite. Wer hier gewann, zeigte die Analyse der Wahlergebnisse, zog auch ins Weiße Haus ein.

Die Auswertung der Kongresswahlen ist mit dem heutigen Tag deshalb alles andere als vorbei. Demokraten wie Republikaner werden die detaillierten Zahlen der Midterms vom Dienstag noch lange studieren. Die Strategen beider Parteien blicken auf die Präsidentschaftswahl 2016. Mit den aktuellen Zahlen speisen sie jetzt ihre Datenmaschinen: Welcher Landkreis stimmt mit den genauen Gesamtwahlergebnissen überein und könnte deshalb ein Indikator für 2016 sein? Welcher Bundesstaat ist der potenzielle Wegweiser für die Straße ins Weiße Haus? Wo ist die Mobilisierung des eigenen Klientels gelungen? Wen haben die Frauen gewählt? Wer konnte wo Minderheiten-Stimmen für sich gewinnen? Wer zieht die wachsende Latino-Bevölkerung auf seine Seite?

2008 und 2012 konnte Obamas Team am besten mobilisieren

In den Präsidentschaftswahlen 2008 und 2012 konnte Barack Obamas Kampagnenteam mithilfe der aufgebauten Datenbasis unerwartete Mobilisierungserfolge erreichen. An der punktgenauen Ansprache potenzieller Wähler arbeiten deshalb jetzt die Wahlkampfmanager beider Parteien mit aller Entschlossenheit. Das Ziel, so formuliert es der Wahlkampfmanager der Demokraten im Senat, Guy Cecil, ist die „Echtzeit“-Anwendung der gewonnenen Daten. Es soll gelingen, errechnete potenzielle Wähler persönlich zu mobilisieren.

„Wir holen auf“, kommentiert sein Widerpart, der republikanische Senatskampagnenmanager Rob Collins. US-Wahlkämpfe werden künftig digital gesteuert. Parteien und Thinktanks haben dafür schon aufgerüstet. Einen näheren Blick werden die republikanischen Strategen jetzt auf Bundesstaaten wie Colorado oder New Hampshire werfen. Staaten, die Barack Obama zuletzt für sich gewinnen konnte. Colorado mit seiner jünger und tendenziell liberaler werdenden Wahlbevölkerung ist für die Konservativen ein zentraler Indikator dafür, wie es um ihre Chancen für 2016 steht.

Demokraten dagegen werden die Ergebnisse etwa in Georgia examinieren. Zwar hatte Obama hier zuletzt nicht gewinnen können, aber der bislang konservative Südstaat ist in gesellschaftlicher Veränderung begriffen. Die Modernisierung bringt liberales Potenzial nach Georgia.

Vor allem die "knappen" Staaten interessieren

Untersucht wird auf beiden Seiten natürlich insgesamt die Wählermobilisierung in jenen neun Staaten, in denen das Senatsrennen in den vergangenen Wochen besonders knapp war: New Hampshire, North Carolina, Kansas, auch Georgia, Alaska, Iowa, Colorado, Louisiana und Arkansas. Republikaner und Demokraten erreichen nach wie vor sehr unterschiedliche Wählerklientelen. Für Obama hatten nur 39 Prozent der weißen Wähler gestimmt. Er konnte dies mit der enormen Mobilisierung von Schwarzen wettmachen. Die Mobilisierung wird sich aber nicht wiederholen lassen.

Schwarze Amerikaner sind enttäuscht von ihrem schwarzen Präsidenten. Außerdem wird der nächste demokratische Kandidat oder die Kandidatin aller Voraussicht nach weißer Hautfarbe sein. Ausruhen können sich die Republikaner auf dieser Erkenntnis allerdings nicht. Der Anteil der Weißen unter den Wählern war 2012 schon auf unter 75 Prozent gefallen, Tendenz nach unten. Und trotz aller Enttäuschung über Obama dürften schwarze Wähler nicht in großer Zahl für einen republikanischen Kandidaten stimmen.

Alle Forscher blicken jetzt auf die Latinos. Bis 2012 war die Zahl der wahlberechtigten hispanischen Einwanderer schon auf knapp 25 Millionen gestiegen. Von ihnen waren immerhin etwas mehr als zehn Millionen zur Wahl gegangen. Angesichts dessen, dass von den aktuell 319 Millionen US-Bürgern nur etwa 60 Prozent wählen gehen, ist das ein relevanter Anteil. Nur 130 Millionen US-Amerikaner nahmen 2012 an der Abstimmung über den nächsten Präsidenten teil. Traditionell liegt die Quote bei Kongresswahlen wie jener am Dienstag deutlich darunter, bei etwa 40 Prozent.

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