Migration der Sprache : „Biodeutsch“ - Sprache unterwandert Kultur

Ein Wort, das in den Alltag einwandert, wirkt besonders komisch: „biodeutsch“. Es zeigt vor allem eines: Mit dem Verständnis unserer Verfassung ist es nicht weit her. Schließlich hat Deutschein nichts mehr mit Abstammung zu tun. Ein Kommentar.

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„Nicht biodeutsch“?: Schützenkönig und Muslim Mithat Gedik.
„Nicht biodeutsch“?: Schützenkönig und Muslim Mithat Gedik.Foto: dpa

Auf Sprache kommt es an. Sprache stellt die Welt dar, in gesprochenen, geschriebenen, gedachten Zeichen. Menschen sind die einzigen Tiere, die die Zeichen zu ihrer Kommunikation selbst erfinden, Sprache ist nicht angeboren. Wer neu auf die Welt kommt, lernt ein Wort wie „Glück“ je nachdem auf Arabisch, Chinesisch, Kisuaheli oder Russisch, oder in einer anderen der geschätzten dreitausend Sprachen der Welt. In vielen Ländern lernen Leute schon als Kinder mehrere Sprachen ihrer Region, wie die linguistische Geographie eindrucksvoll nachweist.

Ganz gleich, welche Haut- oder Haarfarbe jemand hat: Das Hauptwerkzeug aller Gesellschaften ist Sprache, ein Kulturprodukt. Menschliche Gesellschaften sind Kultur, nicht Natur. Wir gestalten Architektur in unzähligen Varianten, nicht immer denselben Termitenhügel oder Biberbau.

Die Biodeutschen fürchten sich zunehmend vor denen, die von außen zu ihnen kommen

Schon aus diesem Grund wirkt ein Wort besonders komisch, das in Alltag und Öffentlichkeit zunehmend einwandert: „biodeutsch“. Bestimmte Menschen werden als „biodeutsch“ bezeichnet, andere sind dadurch automatisch „nicht biodeutsch“. Die Biodeutschen fürchten sich zunehmend vor denen, die von außen zu ihnen kommen – Flüchtlinge auf überfüllten Schiffen drängen ins Bio-Land. Der Bund der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften musste sich vor einiger Zeit von der Unesco den Vorwurf anhören, einen Schützenkönig ausgegrenzt zu haben, weil der „nicht biodeutschen Maßstäben entsprach“.

Biodeutsch: Was soll das bedeuten? Gemeint scheint im Kern, dass jemand zur alteingesessenen Bevölkerung gehört, also zu denen, die schon lange da gesessen, gehockt haben, wo sie jetzt sind. Als Großgruppe nennen sich solche Bevölkerungen seit dem 19. Jahrhundert gern eine „Nation“. Der Begriff ist abgeleitet vom lateinischen Wort „nasci“, geboren werden. Theoretisch gehört man also von ganz allein und ohne Mühe zu einer Nation, wenn viele Vorfahren innerhalb von deren Territorium ihre Geburt erlebten. Für Menschen, die nicht von sich aus und selbstverständlich zur Großgruppe zählen, werden immer neue Bezeichnungen gefunden und legitimiert: Fremde, Ausländer, Asylanten, Gastarbeiter, Immigranten, Migranten, Zuwanderer, ausländische Mitbürger, Asylbewerber und schließlich, seit einigen Jahren, der nach geplagtem Nachdenken klingende Terminus „Menschen mit Migrationshintergrund“.

Parallel zu dieser neuen Gruppe sind als deren Pendant „die Biodeutschen“ entstanden. Der Begrifft suggeriert, es handle sich bei den Biodeutschen um rein und unverfälscht wie Bio-Tomaten gediehene Einheimische. Ohne Kunstdünger und Pestizide scheinen sie dem deutschen Ackerboden entsprungen und im Bio-Laden gelandet, wo es nach frisch gemahlenem, blondem Weizen riecht: Natur pur. Dagegen wäre das Nicht-Biodeutsche kontaminiert, wie mit Chemie versetzte Produkte aus dem anonymen Supermarkt; man weiß nicht genau, woher sie kommen, irgendwie sind sie nicht natürlich, nicht auf dem Boden der durch tradiertes Blutsrecht bestimmten Nation gewachsen.

Ein Witz mit einem Wort

Daraus kann, begrifflich wie sozial, nichts werden. Nachdem eine Reform des Staatsbürgerschaftsrechts in Deutschland im Jahr 2000 das Geburtsortprinzip („ius soli“) gegenüber dem Abstammungsprinzip („ius sanguinis“) gestärkt hatte, weicht ein Begriff wie „biodeutsch“ die rechtliche Trennschärfe wieder auf. Dass der Begriff entstand, und wie bedenkenlos, gedankenlos er in den allgemeinen Diskurs Einzug findet, belegt vor allem, dass es mit staatsrechtlichem Denken, mit dem Verständnis der Verfassung, oft noch nicht weit her ist. Ob „biodeutsch“ mit oder ohne politisch-ideologische Agenda verwendet wird, der Begriff ist ein Symptom für den staatsbürgerlich unreifen Diskurs der Gegenwart. Und er ist schlicht ein Witz in einem Wort.

Es ginge also jetzt darum, sich bewusst zu werden, was dieser Begriff soll, will und impliziert. Dabei kann es hilfreich sein, sich vorzustellen, wie dieser sprachliche Versuch einer Unterscheidung von autochthon und allochthon in anderen Zusammenhängen aussehen würde: Ich lerne jetzt Französisch bei einem echten Bio-Franzosen! Essen Sie Döner am besten beim Bio-Türken! Auf Sprache kommt es an, auf einzelne Worte kommt es an. Denn das gehört zu der Erkenntnis, dass menschliche Gesellschaften die Architekten ihrer selbst sind: Sie produzieren ihre Welt und deren Sinngebung, das Schlimmste wie das Beste, zuallererst durch Sprache.

Und deshalb kommt es auch auf ein einzelnes Wort an.

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