Politik : Missbrauch relativiert – jetzt Job weg?

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Berlin - Der Deutsche Kinderschutzbund sucht nach Möglichkeiten, das Arbeitsverhältnis mit seinem Geschäftsführer in Frankfurt am Main, Florian Lindemann, zu beenden. Vorstandsmitglied Sophie von Ilberg sagte am Montag dem Tagesspiegel, Lindemann sei freigestellt. Nun solle die Angelegenheit „leise und unauffällig und für alle Beteiligten schadensfrei“ über die Bühne gebracht werden. Beide Seiten verhandeln noch. Lindemanns Anwalt Felix Damm war am Montag von einer bei seinem Mandanten eingegangenen Kündigung nichts bekannt, wie er dem Tagesspiegel sagte. Geklärt werden soll der Fall vor dem 10. Juni. Dann stehen Vorstandswahlen in Frankfurt an. Nach einer Sitzung am 13. April hatte der Bezirksverband eine Kündigung „mit sofortiger Wirkung“ bekanntgegeben.

Lindemann, Ex-Odenwaldschüler und Bezirksgeschäftsführer seit 2003, hatte vor elf Jahren in einem Leserbrief an die „Frankfurter Rundschau“ deren Enthüllungen über sexuellen Missbrauch im Internat angeprangert. Der Zeitung warf er „effektorientierten Stil des Boulevardjournalismus“ vor. Der Bericht des Journalisten Jörg Schindler hüpfe „nach dem bekannten Muster des Sensationsjournalismus“ hin und her „zwischen genüsslich arrangierten Zitaten aus der Korrespondenz der Betroffenen und den burschikosen Schilderungen der Opfer des ,pädophilen Schulleiters‘“. Lindemanns Fazit 1999: „Ein klassischer Fall von ,Missbrauch des Missbrauchs’“. Vor zwei Wochen erklärte Lindemann, mit dem Brief einen großen Fehler gemacht zu haben.

Nach neuen Berichten über Missbrauch an der Odenwaldschule hatte der Leserbrief für Ärger im Kinderschutzbund gesorgt. Vorstandsmitglieder in Frankfurt gingen auf Distanz zu Lindemann. Die hessische Vorsitzende Verone Schöninger sagte am Montag dem Tagesspiegel: „Die Opfer stehen für uns im Mittelpunkt. Das war auch schon 1999 so.“ Die Trennung von Lindemann sei „die einzige Möglichkeit in einem solchen Fall“. Der Präsident des Bundesverbandes, Heinz Hilgers, sagte, er sei für den Fall eines Arbeitsgerichtsprozesses „ganz sicher“, dass das Arbeitsverhältnis beendet werde. „Da kann es höchstens um die Höhe der Abfindung gehen.“ Matthias Meisner

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