Politik : Mit Öl gedopt

Von Clemens Wergin

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In den vergangenen Wochen gab es viel diplomatische Verwirrung über die Frage, ob es zu direkten Verhandlungen zwischen Iran und den USA über das Atomprogramm kommen wird. Fast konnte man glauben, wenn dieses Problem gelöst sei, müsse man sich um die Bombe keine Sorgen mehr machen. Sicher hat der republikanische US-Senator Richard Lugar Recht, wenn er sagt, solche bilateralen Gespräche könnten einen Ausweg aus der Sackgasse weisen. Allein: Man müsste sich dann aber auch auf etwas einigen können.

Besonders aus Europa wird immer wieder gefordert, die USA sollten den legitimen Sicherheitsinteressen Irans entgegenkommen und Sicherheitsgarantien anbieten. Ein Argument, das nicht falsch ist – aber auch ein wenig überstrapaziert. Weil die Europäer etwas Ähnliches, wenn auch in vager Form, schon auf den Tisch gelegt haben. Und weil die USA mit dem Sturz der Taliban in Afghanistan und Saddam Husseins die drängendsten Sicherheitsprobleme der Iraner ja gleich mitbeseitigt haben. So sieht sich Teheran angesichts des US-Debakels im Irak heute auch eher gestärkt als geschwächt. Der wichtigste Grund, warum die Iraner so kompromisslos sind, ist nicht etwa, dass sie die Amerikaner fürchten, sondern dass sie sie nicht (mehr) ausreichend fürchten und die Drohung mit Militärschlägen nicht ernst genug nehmen.

Der strategische Chefdenker der iranischen Regierung, Hassan Abbasi, hat vor einem Monat sein Verständnis der Krise vor Studenten offen gelegt. Demnach handelt es sich um das, was man im Englischen „playing chicken“ nennt: Zwei Seiten rasen aufeinander zu, und wer zuerst ausweicht, hat verloren. Abbasi ist wie die anderen Neorevolutionäre in Teheran überzeugt, dass der Westen schon ausweichen wird und nicht einmal bereit ist, die Folgen eines Wirtschafts- und Ölboykotts zu tragen. Ein Bild vom Westen, das auch Irans Präsident Ahmadinedschad immer wieder malt: materialistisch, risiko- und konfliktscheu, alternd und wie Junkies an der Ölnadel hängend. Demgegenüber sieht er Iran als aufstrebende islamische Supermacht, dazu auserkoren, die islamische Welt in den Kampf mit dem dekadenten Westen zu führen. Nur George Bush gilt als unberechenbare Größe – der einzige westliche Führer, dem die Iraner Kampfbereitschaft zutrauen. Deshalb oszilliert Teheran auch zwischen Härte und Zeitspiel. Wenn Bushs Amtszeit zu Ende ist, so die Kalkulation, wird kein neuer Präsident mehr zu Militärschlägen gegen Iran bereit sein.

Angesichts eines Ölpreises von 70 Dollar pro Barrel und den energiehungrigen, aufsteigenden Weltmächten Indien und China als Gegengewicht zum Westen kann die iranische Führung vor Kraft kaum laufen. Dennoch sollte man nichts unversucht lassen – auch wenn Sicherheitsgarantien der Amerikaner nur im Paket denkbar sind. Iran würde im Gegenzug seine destabilisierende Rolle in der Region aufgeben müssen. Unter dem Schutz der Supermacht weiter Terrorgruppen zu unterstützen – wie gerade beim Anschlag in Tel Aviv – wird nicht gehen.

Das hieße, den Charakter der iranischen Außenpolitik komplett zu verändern. Was angesichts der von Ahmadinedschad betriebenen Reideoligisierung des Regimes kaum vorstellbar scheint. Wahrscheinlich werden am Ende also nur harte Wirtschaftssanktionen Iran davon überzeugen, dass der Westen nicht ganz so windelweich ist, wie die Islamisten denken. Eine Strategie der ausgestreckten Hand kann nur dann funktionieren, wenn die andere geballt bleibt.

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