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"Mitte"-Studie der Universität Leipzig : Rechtsextreme finden in der AfD eine Heimat

Hass-Stimmung gegen Flüchtlinge, Juden, Roma und Homosexuelle - laut der "Mitte"-Studie der Uni Leipzig sind rechtsextreme Einstellungen in der Bevölkerung weit verbreitet.

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Neonazis der Kleinpartei "Der dritte Weg" im Mai bei einem Aufmarsch in Saalfeld
Neonazis der Kleinpartei "Der dritte Weg" im Mai bei einem Aufmarsch in SaalfeldFoto: dpa

"Was Deutschland jetzt braucht, ist eine einzige starke Partei, die die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert" - 21,9 Prozent der Deutschen meinen das, 25,5 im Osten und 21 Prozent im Westen. Der These, dass die Bundesrepublik "durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maß überfremdet" sei, stimmen 33,9 Prozent überwiegend oder voll und ganz zu. Und dass eine Diktatur im nationalen Interesse unter bestimmten Umständen die bessere Staatsform sei, erklären 6,7 Prozent der Befragten - im Osten des Landes sogar 13,8 Prozent.

Eine Auswahl der Fragen und Antworten aus der neuen "Mitte"-Studie, mit der Wissenschaftler der Universität Leipzig seit 2002 regelmäßig rechtsextreme und antidemokratische Einstellungen in der Bevölkerung untersuchen. Kernergebnisse der aktuellen Erhebung: Zwar gibt es in Deutschland keine Zunahme rechtsextremer Einstellungen, wohl aber einen Anstieg autoritärer Aggressionen gegen Muslime, Sinti und Roma sowie Flüchtlinge, auch eine zunehmende Gewaltbereitschaft.

Die Autoren stellten ihre Studie "Die enthemmte Mitte" am Mittwoch in Berlin in Kooperation mit der Heinrich-Böll-Stiftung, der Rosa-Luxemburg-Stiftung und der Otto-Brenner-Stiftung vor. Sie haben 2420 Menschen aus Ost und West, allen Altersgruppen und verschiedenen sozialen Schichten befragt - und sich zum ersten Mal auch ausführlich mit der Rolle von AfD und Pegida befasst.

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AfD bricht Gespräch mit Zentralrat der Muslime ab
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Der Studie zufolge haben Rechtsextreme in der AfD eine Heimat gefunden, unter Pegida-Anhängern gebe es eine "starke Ausprägung rechtsextremer Einstellung". Der Sozialwissenschaftler Prof. Elmar Brähler vom Kompentzzentrum für Rechtsextremismus- und Demokratieforschung der Universität sagte: "Wer Pegida befürwortet, ist zumeist rechtsextrem und islamfeindlich eingestellt und sieht sich umgeben von verschwörerischen dunklen Mächten." Die wichtigsten Motive für eine Befürwortung von Pegida seien Rechtsextremismus und Islamfeindlichkeit.

Menschenfeindliche Einstellungen teilen laut Brähler auch die meisten AfD-Wähler. Die These etwa "Durch die vielen Muslime hier fühle ich manchmal wie ein Fremder im eigenen Land" würden 86 Prozent der AfD-Wähler und 60 Prozent der Nichtwähler teilen - bei den Anhängern anderer Parteien stimmen nur zwischen 25 und 48 Prozent zu. Der Wissenschaftler erklärte: "Das Potenzial für rechtsextreme oder rechtspopulistische Parteien ist noch größer, als es die Wahlergebnisse bislang zeigen.

Männer sind der Studie zufolge anfälliger für rechtsextreme Einstellungen, ähnlich trifft das auf Erwerbslose und Ruheständler zu. Befragte, die als Bildungsabschluss mindestens Abitur angaben, stimmten deutlich seltener rechtsextremen Einstellungen zu.

Pegida-Kundgebung im Mai in Dresden
Pegida-Kundgebung im Mai in DresdenFoto: Arno Burgi/dpa

Wie in den Vorjahren ist die Ausländerfeindlichkeit im Osten stärker ausgeprägt als im Westen. Fast 40 Prozent der Befragten in Ostdeutschland stimmen der Aussage zu, Ausländer kämen "nur hierher, um unseren Sozialstaat ausnutzen" - auch im Westen sind es noch gut 30 Prozent. Mehr als jeder vierte Befragte in Gesamtdeutschland findet, man solle bei Arbeitsplatzmangel "die Ausländer wieder in ihre Heimat zurückschicken".

Bei anderen Fragekategorien gibt es nur geringe Abweichungen zwischen Ost und West - etwa im Kapitel zum Antisemitismus. "Die Juden arbeiten mehr als andere Menschen mit üblen Tricks", sagen beispielsweise 9,5 Prozent der Deutschen. Und für eine Verharmlosung des Nationalsozialismus sind die Westdeutschen sogar anfälliger als die Ostdeutschen. Dass die Verbrechen des Nationalsozialismus "in der Geschichtsschreibung weit übertrieben" worden seien, erklären 5,5 Prozent der Ost- und 6,7 Prozent der Westdeutschen.

Islamfeindschaft nimmt stark zu

Stark zugenommen im Vergleich zur Erhebung 2014 hat die Islamfeindschaft. Die Hälfte der Befragten gab an, sich "wie ein Fremder im eigenen Land" zu fühlen, mehr als 40 Prozent wollen Muslimen die Zuwanderung nach Deutschland untersagen. Zugenommen hat in den vergangenen zwei Jahren auch die Ablehnung von Flüchtlingen. Beispielsweise sind fast 60 Prozent der Bevölkerung der Meinung, dass die Mehrzahl der Asylbewerber nicht wirklich verfolgt würden und demnach unrechtmäßig um Asyl ersuchen.

Knapp 58 Prozent erklärten, sie hätten Probleme damit, wenn sich Sinti und Roma in ihrer Gegend aufhalten würden. Und etwa 50 Prozent forderten, diese Volksgruppe sollte aus den Innenstädten verbannt werden.

Erhoben wurde auch die Haltung zu Homosexuellen. 40 Prozent stimmen der Aussage zu, es sei "ekelhaft", wenn sich Schwulen oder Lesben in der Öffentlichkeit küssen. Und jeder Vierte findet Homosexualität generell "unmoralisch".

5,4 Prozent haben geschlossenes rechtsextremes Weltbild

Ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild haben der Erhebung zufolge 5,4 Prozent der Deutschen - im Osten sind es 7,6 Prozent, im Westen 4,8. Dies nehmen die Wissenschaftler dann an, wenn die Befragten allen sechs Dimensionen der rechtsextremen Einstellung zustimmen - Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur, Chauvinismus, Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus, Sozialdarwinismus und Verharmlosung des Nationalsozialismus.

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