Politik : Moralwächter mit Mission

Türkei rügt Holland: Muslimischer Junge soll nicht bei lesbischem Paar leben.

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Was zählt? In der Heimat von Yunus’ Vorfahren fordern diese Frauen, dass das Pflegekind aus seinem Geburtsland Holland in die Türkei gebracht wird. Foto: AFP
Was zählt? In der Heimat von Yunus’ Vorfahren fordern diese Frauen, dass das Pflegekind aus seinem Geburtsland Holland in die...Foto: AFP

Istanbul - Das Schicksal eines neunjährigen niederländischen Jungen türkischer Herkunft ist zu einer politischen Angelegenheit zwischen der Türkei und Europa geworden. Der Umgang mit dem kleinen Yunus war kürzlich bei einem Besuch des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan in Den Haag ein Topthema: Yunus, Sohn türkischer Eltern, lebt auf Beschluss der niederländischen Behörden seit Jahren bei lesbischen Pflegeeltern. Und so etwas darf es nach Erdogans Meinung nicht geben.

Wenn die Behörden eines europäischen Landes türkischen Eltern das Sorgerecht über ein Kind entzögen, dann müssten sie darauf achten, dass dabei im Rahmen der „moralischen und religiösen Vorstellungen der Gesellschaft“ vorgegangen werde, sagte Erdogan. Er meinte die türkische Gesellschaft. Ein muslimisches Kind einem homosexuellen Paar anzuvertrauen, sei falsch. Damit unterstrich Erdogan die Wächterrolle, die seine islamisch-konservative Regierung für die rund vier Millionen Auslandstürken beansprucht. Schon 2012 hatte Erdogans Vize Bekir Bozdag beklagt, in Europa würden rund 4000 türkisch-muslimische Kinder an christliche Familien gegeben und „regelrecht christianisiert“. Bozdag versprach, alles zu tun, um „unsere Kleinen zu retten“. Im Februar sprach er mit Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) darüber.

Erst der Fall Yunus machte die Frage jedoch zur Chefsache. Die holländischen Behörden hatten Yunus bereits als viermonatiges Baby seinen Eltern weggenommen; damals habe es starke Hinweise auf Kindesmissbrauch und Verwahrlosung gegeben, sagte ein niederländischer Regierungsvertreter. Zunächst sei der Junge in ein Pflegeheim gekommen, später dem lesbischen Paar zugesprochen worden.

Zwei andere Kinder der türkischen Familie sollten in den vergangenen Jahren ebenfalls aus der Familie geholt werden, doch sie wurden vor Umsetzung der Entscheidung in die Türkei gebracht. Die Familie versuchte vergeblich, Yunus per Gericht wiederzubekommen; schließlich wandte sie sich über die türkischen Medien an die Erdogan-Regierung. Am Bosporus kochte das Thema vor dem Erdogan-Besuch in den Niederlanden Ende März so hoch, dass die Pflegeeltern mit Yunus vorsorglich untertauchten.

Bei einer Pressekonferenz mit seinem niederländischen Kollegen Mark Rutte bot Erdogan enge Kontakte zwischen den Behörden beider Länder und die Mitarbeit türkischer Verbände in den Niederlanden an. So solle sichergestellt werden, dass türkischstämmige Kinder stets in „sichere Hände“ – sprich: in möglichst muslimische, aber auf keinen Fall in homosexuelle Familien – gelangen könnten. Ruttes Regierung lehnte strikt ab. Keine ausländische Regierung habe das Recht, den Niederlanden beim Umgang mit Pflegekindern aufgrund von religiösen Glaubenssätzen oder sexuellen Orientierungen Vorschriften zu machen, sagte Vizepremier Lodewijk Asscher. Thomas Seibert

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