Motivsuche nach Attentaten in Orlando und Nizza : Selbsthass als Tatmotiv

Viele Gründe können junge Männer in den Islamismus treiben. Psychologen zufolge spielt auch unterdrückte Homosexualität eine nicht zu unterschätzende Rolle.

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Der Attentäter von Orlando, der im Juni 49 Menschen tötete, wurden offenbar vom Hass auf die eigene Homosexualität getrieben. Foto: dpa
Der Attentäter von Orlando, der im Juni 49 Menschen tötete, wurden offenbar vom Hass auf die eigene Homosexualität getrieben.Foto: dpa

Die Terrormiliz „Islamischer Staat“ verfolgt Homosexuelle in Syrien und im Irak mit einer grausamen Hinrichtungsmethode. Sie werden von Hausdächern gestürzt. Umso bemerkenswerter ist ein Umstand, mit dem sich jüngst die Zeitung „Le Monde“ auseinandergesetzt hat: Zu den vielen Gründen, die aus jungen Männern Täter im Namen des Dschihad machen können, müsse auch eine unterdrückte Homosexualität gezählt werden. Damit hat die Zeitung den vielen Erklärungsmustern für das Abgleiten junger Menschen in den Terror, das in diesen Tagen die Öffentlichkeit beschäftigt, ein weiteres hinzugefügt.

Chérif K., Omar M., Lahouaiej B. - drei Attentäter mit homosexuellen Neigungen

Es gehe nicht darum, die politische Dimension des islamistischen Terrorismus zu verkleinern, heißt es in dem am vergangenen Dienstag erschienenen Beitrag der Zeitung. „Es gibt tausende Arten, sich zu radikalisieren, aber ich habe einige (Personen) gesehen, bei denen die Beschämung angesichts der eigenen Homosexualität eine große Rolle spielt“, wird der in Ägypten geborene französische Psychoanalytiker Serge Hefez zitiert, der rund 15 radikalisierte Jugendliche betreut.

Für die These spricht, dass mehrere junge Männer, die in den vergangenen Jahren im Namen des Dschihad zuschlugen, nach den Erkenntnissen der Ermittler homosexuelle Neigungen hatten: Chérif K., einer der dschihadistischen Urheber des Anschlags auf die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“, Lahouaiej B., der Attentäter von Nizza, und Omar M., der als US-Bürger und Sohn afghanischer Einwanderer im Schwulen-Club „Pulse“ in Orlando zum Todesschützen wurde. Offenbar spielte wie beim Attentäter von Orlando, dem der Psychopathologe und Buchautor Fethi Benslama laut „Le Monde“ einen „Selbsthass“ mit Blick auf die eigene Homosexualität bescheinigt, auch in den anderen Fällen der Wunsch nach einer vermeintlichen „Selbstreinigung“ im Namen des Islamismus eine Rolle.

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Vater: Attentäter von Nizza war nicht religiös
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"Le Monde": Die Frage der sexuellen Identität ist im Dschihadismus alles andere als marginal

Dass es der angesehenen Zeitung „Le Monde“ nicht darum geht, Homosexuelle oder Migranten einem Pauschalverdacht auszusetzen, sollte sich von selbst verstehen. Vielmehr geht es darum, einen Aspekt bei der Radikalisierung junger Menschen zu verstehen, der aber dem Blatt zufolge nicht unterschätzt werden dürfe: „Die Frage der sexuellen Identität ist in der dschihadistischen Sphäre alles andere als marginal.“ So könne den Tätern die „große Sache“ des Islamismus dazu dienen, ihre persönlichen Beweggründe zu kaschieren – eine instabile Identität, die unter anderem auch sexuell begründet sein könne.

Telefonische Anlaufstelle in Frankreich

Wie häufig eine unterdrückte Sexualität zum Auslöser wird, lässt laut „Le Monde“ die Äußerung einer Psychotherapeutin der französischen Terrorismus-Koordinierungsstelle Uclat ahnen. Die Terrorismus-Koordinierungsstelle richtete 2014 eine telefonische Anlaufstelle ein, die als eine Art Frühwarnsystem für mögliche Radikalisierungen dient. Bei einem Drittel der rund zehn glaubhaften Fälle, die dort pro Tag dort mitgeteilt würden, geht es nach den Angaben der Therapeutin, die anonym bleiben will, um Menschen, „die Schwierigkeiten haben, ihre sexuelle Identität auszuleben, häufig aufgrund einer Traumatisierung während der Kindheit“.

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