Muslime in Deutschland : "Der Islam wird gekidnappt"

Der „Islamische Staat“ herrscht in den von ihm eroberten Gebieten mit großer Grausamkeit. Nun wollen Muslime in Deutschland gegen die Fanatiker ein Zeichen setzen. Was ist geplant?

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Zentralrat der Muslime in Deutschland.
Zentralrat der Muslime in Deutschland.Foto: dpa

Die vier großen islamischen Verbände in Deutschland rufen für Freitag zu einem bundesweiten Aktionstag gegen Hass, Rassismus und religiösen Fanatismus auf. Anlass sind die Verbrechen der Milizen des „Islamischen Staates“ im Irak und in Syrien, die Scharia-Patrouillen von Salafisten in Nordrhein-Westfalen, aber auch die jüngsten Angriffe auf fünf Moscheen in Deutschland.

Die Muslime wollen nicht schweigen, „wenn der Islam gekidnappt wird von Terroristen und Verbrechern“, sagte Aiman Mazyek, der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, am Dienstag. Er erklärte sich solidarisch mit den Opfern terroristischer Verbrechen: „Ich bin ein Jude, wenn Synagogen angegriffen werden. Ich bin ein Christ, wenn Christen beispielsweise im Irak verfolgt werden. Und ich bin ein Moslem, wenn Brandsätze auf ihre Gotteshäuser geworfen werden.“

Neben dem Zentralrat rufen die Türkisch-Islamische Union (Ditib), der Islamrat und der Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ) zu den Kundgebungen auf. In bundesweit 2000 Moscheen unter anderem in Berlin, Hannover, Hamburg, Stuttgart und Frankfurt am Main soll es nach dem Freitagsgebet Mahnwachen geben und an die Friedfertigkeit des Islam erinnert werden. In Berlin findet die Kundgebung ab 14 Uhr vor der Mevlana-Moschee an der Skalitzer Straße 131 statt. Auf die Mevlana-Moschee wurde vor vier Wochen ein Brandanschlag verübt.

Die beteiligten Moscheegemeinden haben Ehrengäste aus Politik und Gesellschaft eingeladen. Bundesinnenminister Thomas de Maizière wird eine Moschee in Hannover besuchen. In Berlin werden Nikolaus Schneider, der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, der Grünen-Bundesvorsitzende Cem Özdemir und Linken-Fraktionschef Gregor Gysi zu Gast sein.

Gegen Hass und Gewalt

Die Verbände begrüßen das am vergangenen Freitag verhängte Verbot der Terrororganisation IS in Deutschland. „Das hätte schon früher kommen sollen“, sagte Mazyek. Die Grünen lobten den Aktionstag als „wichtiges Signal“.

Es ist das erste Mal, dass sich die Islamverbände mit einer solch konzertierten bundesweiten Aktion gegen den Hass und die Gewalt aussprechen, die im Namen von Allah ausgeübt wird. Die Kundgebungen sind ein großes Ausrufezeichen – auch in die eigenen Reihen hinein.

Sie sind auch eine Kampfansage gegen jede Art von Parallelgesellschaft. Denn zumindest die großen islamischen Verbände haben in den vergangenen Jahren in Kopftuch- und Sarrazin-Debatten gelernt, dass sie Misstrauen und Angst in der Mehrheitsgesellschaft am ehesten abbauen können, wenn sie sich öffnen und transparenter werden.

Doch das Misstrauen sei in den vergangenen Monaten wieder gewachsen, auch das Misstrauen der Muslime gegenüber den Nicht-Muslimen, beobachtet Aiman Mazyek. Die „Entfremdung“ zwischen Muslimen und Mehrheitsgesellschaft sei so groß wie nie. Muslime hätten Angst wegen der verübten Brandanschläge auf die Moschee, Nicht-Muslime wegen des Terrors der IS-Milizen, sagt Mazyek. Er fürchtet, dass der Zusammenhalt in der Gesellschaft verloren geht, wenn die Wahrnehmungen derart weit auseinander gehen. Die Kundgebungen am Freitag richten sich deshalb an alle Bürger und fordern auf, angesichts von Gewalt und Hass jedweder Couleur zusammenzustehen.

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