Politik : Muslime in Europa oder europäische Muslime?

Die konservativ-islamische Milli Görüs debattiert über alte und neue Identitäten

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Berlin - Für die Verfassungsschutzämter ist sie die fünfte Kolonne eines aggressiven islamistischen Unterwanderungsprogramms: Die „Islamische Gemeinschaft Milli Görüs“ (IGMG) polarisiert. Der Innenminister hat ihretwegen den Dachverband Islamrat aus der Deutschen Islamkonferenz ausgeschlossen. Fromm, konservativ – und außerdem? Das ließ sich, mindestens für die studierte Führungsschicht der IGMG und den europäischen intellektuellen Nachwuchs, in diesen Tagen in Wuppertal besichtigen, wo man sich zu einem Symposium über „alte und neue Identitäten“ getroffen hatte.

Es gebe die, die das Leben der Muslime in Europa als Verlust sehen, wie die, die neue Möglichkeiten damit verbänden, hieß es in der Begrüßung der Organisatoren. Man hoffe, dass beides erörtert werde. Stoff für Streit war offensichtlich nicht organisiert, die Seite der Islamkritik fehlte gänzlich. „Ich verspreche mir von solchen Veranstaltungen Anregungen, Hinweise auf neue Handlungsmöglichkeiten“, sagte eine junge Biochemikerin aus Belgien dem Tagesspiegel. „Wissen Sie, von Islamkritik ist mein Alltag sowieso schon voll.“ Man wolle ein bisschen weg vom „Misstrauensdiskurs“, hieß das später im Vortrag von Oguz Ücüncü, dem Generalsekretär der IGMG. Er hat damit prominent zu tun: Den Ausschluss des Islamrats aus der Islamkonferenz begründete Innenminister Thomas de Maizière mit den Ermittlungen gegen ihn.

Kritische Selbstreflexion freilich gab es. So warnte der Istanbuler Historiker Mustafa Macit Kenanoglu vor Identitätsstiftung durch Rückbezug auf die Osmanen. Deren viel gerühmte Toleranz für religiöse Minderheiten habe ihre Grenzen gehabt. Sie hätten ihnen lediglich mindere Rechte eingeräumt und dies auch nur dann, wenn sie bereit waren, den Vorrang islamischen Rechts zu akzeptieren. Atheisten seien in keiner Weise anerkannt worden, und auch das Bild der gerechtigkeits- und friedliebenden osmanischen Sultane sei arg „verklärt“. Werner Schiffauer, Kulturanthropologe an der Viadrina und Kenner des konservativen deutschen Islam, sekundierte später: „Neo-Osmanismus“ könne zwar jungen Leuten Geborgenheit in einer großen Tradition bieten, wenn sie von außen stets auf ihre Armut und Schäbigkeit gestoßen würden. Er scheitere aber an besserer Information.

Was also stattdessen? Oder: „Wer sind wir?“, „Was sind wir?“ Die praxistauglichsten Antworten auf diese immer wieder variierten Grundfragen lieferte Birgit Rommelspacher, Professorin an der Berliner Alice-Salomon-Hochschule: Wir sind viele. Alle, nicht nur die Muslime. „Jeder Mensch identifiziert sich auf vielerlei Weisen.“ In Familienrollen, Religion, politischen Bekenntnissen. Und abhängig von Alter und Lebenssituation wechselten die „multiplen Identitäten“ sogar, die jeden Menschen in vielen sozialen Bezügen hielten, oder änderten ihre Bedeutung. „Kulturalisierung“, also die Festlegung der Person auf eine – die religiöse oder ethnische – ihrer vielen Zugehörigkeiten, leugne diese Vielfalt und markiere Menschen als fremd, „the other“, anders. Das beste Rezept gegen dieses „Othering“, so Rommelspacher, sei politische, soziale, wirtschaftliche Gleichheit. Dafür sollten Minderheiten kämpfen, allerdings in nüchternem Lobbying, das es seinerseits vermeide, in die Falle des „Wir gegen die“ zu gehen.

Die Fragen des Publikums ans Podium ließen freilich erkennen, dass diese Opposition weiter den Alltag bestimmt. Ob man nicht vielmehr eine Kampagne für die Mehrheitsgesellschaft brauche? Die müsse man doch eher überzeugen, Vielfalt zu akzeptieren, fragte eine junge Frau, Kopftuchträgerin wie fast alle Frauen im Saal. Andere Fragen waren unechte Suggestivfragen, denen aber echte Frustration anzuhören war. Warum denn von der muslimischen Geschichte Europas kaum die Rede sei, warum man muslimische Gelehrte des Mittelalters wie Ibn-Ruschd (Averroes) nur unter lateinischen Namen kenne?

Weil es um Macht geht, antwortete die amerikanische Soziologin Pamela Irving Jackson. Und die Afroamerikaner in den USA hätten gezeigt, dass es sich lohne, für das eigene Stück der Geschichte in den Schulbüchern zu kämpfen. Ihr in Berlin lebender Torontoer Kollege Y. Michal Bodemann empfahl das Beispiel der jüdischen Diaspora: nicht abkapseln. Zuvor war auf dem Podium von türkischer Seite das Klischee von der „Macht der Juden“ bemüht worden. Bodemann: „Sorgt euch weniger um jewish power, seht zu, dass ihr selbst gehört werdet.“ Zustimmung von Ücüncü, der in seinem Beitrag Rassismus und „Othering“ in den eigenen Reihen aufs Korn nahm. Da werde gefragt, ob „die Deutschen“ überhaupt Moral hätten, ihre Kinder liebten. „Ich empfinde solche Fragen als unmoralisch.“ Im Übrigen ringe die Mehrheitsgesellschaft ebenso um Identität und beantworte die Frage „Wer sind wir?“ allzu gern unter Hinweis auf das, was man nicht ist. „Sie tut sich teilweise ebenso schwer wie wir.“

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