Nach Anschlag in Istanbul : "Freund Putin" ist Erdogans neue Devise

Der Anschlag auf den Klub "Reina" sei das Werk der CIA - Nachrichten wie diese zeigen, wie konsequent Erdogan sich von den USA abwendet. Das ist riskant. Ein Kommentar.

Markus Bernath
Recep Tayyip Erdogan und Vladimir Putin.
Recep Tayyip Erdogan und Vladimir Putin.Foto: AFP / OZAN KOSE

Auf die Komplottmaschine Türkei ist immer Verlass. Noch die schrägste Verbindung wird von der Regierung und ihren Schreibern in den Medien konstruiert, um Politik und Realität in Übereinstimmung zu bringen. Der Anschlag auf die Neujahrsfeiernden im Istanbuler Klub Reina war das Werk der CIA, so lernen türkische Zeitungsleser nun. Der Islamische Staat hat sich mittlerweile zur Tat bekannt? Auch kein Problem: Die USA unterstützen ja die Terrormiliz. Präsident Erdogan hat es selbst gesagt, noch bevor sich der Attentäter den Weg ins Reina freischoss.

Die absurden Vorwürfe sollen die Hilflosigkeit der türkischen Führung angesichts der Terrorserie im Land kaschieren helfen. So zäh hält sich dabei der anti-amerikanische Reflex in Teilen der türkischen Gesellschaft, dass wirklich nichts für unmöglich gehalten wird. Der Terroranschlag auf den bekannten Nachtklub als eine Revanche für den gerade errungenen außenpolitischen Erfolg, die russisch-türkische Vermittlung eines Waffenstillstands in Syrien, ist deshalb eine Erklärung, die nicht wenigen in der Türkei einleuchtet. US-Botschafter John Bass in Ankara ist der „Lügen-John“ und nun auch der „Hauptverdächtige“ im Fall Reina, wie in großen Lettern vermeldet wird.

Hinter der jüngsten Verschwörungstheorie aus dem Präsidentenpalast in Ankara steht gleichwohl ein ernst zu nehmender politischer Wechsel. Erdogans Wahlverwandtschaft mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin ist nicht mehr zu übersehen. Zwei Präsidenten mit autoritärem Herrschaftsverständnis haben sich gefunden. Erdogan ist nützlich für Putin als Spaltpilz der Nato und als Abnehmer von Gas und Öl. Und Putins Hilfe ist noch sehr viel wertvoller für Erdogan, der nur deshalb seine Armee nach Syrien gegen die Kurden und den IS schicken konnte, weil der russische Staatschef es zuließ.

Erdogan hofft, dass Trump ihm zu Diensten sein wird


Die rapide Verschlechterung der türkisch-amerikanischen Beziehungen lässt sich wiederum auch am Umgang mit den US-Journalisten im Land ablesen. Zweieinhalb Tage lang wurde Dion Nissenbaum, ein Korrespondent des „Wall Street Journal“, vergangene Woche in einem türkischen Gefängnis festgehalten – ohne Kontakt zu einem Anwalt oder zu seiner Familie in Istanbul. Sein Fehler war offenbar, eines der Gräuelvideos des IS weiterverbreitet zu haben. Es zeigte die Verbrennung zweier türkischer Soldaten, die von der Terrormiliz in Syrien entführt worden waren. Die türkische Regierung verbannte weitgehend erfolgreich die Nachricht über diese Hinrichtung aus der Öffentlichkeit.

Der nächste US-Präsident mag der türkischen Führung das Geschäft erleichtern. Das zumindest versprechen sich Erdogan und seine Berater. Donald Trump kümmern die massiven Einschränkungen der Bürgerrechte in der Türkei wenig, wie er bereits in den Tagen nach dem vereitelten Putsch im Juli vergangenen Jahres signalisierte. Trump mag auch der Krieg in Syrien mit der Unterstützung der syrischen Kurdenmiliz YPG durch die USA viel zu kompliziert sein. Ankara wendet sich lautstark gegen diese Hilfe für die Kurden. Gestützt auf Trump und Putin sieht Erdogan nun eine neue Zeit als regionaler Führer kommen.

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