Nach Anschlag vom Breitscheidplatz : Was Flüchtlinge in Berlin jetzt fürchten

Sie fühlen mit den Opfern und haben Angst, als Täterkomplizen stigmatisiert zu werden: Geflüchtete Journalisten schreiben über das Berliner Attentat - und fordern härtere Einwanderungskriterien. Vier Kommentare.

Zusammen stehen: Der "Begegnungschor", ein Flüchtlingschor aus Berlin, und der "Everybody Can Sing Chor" der Berliner Gedächtniskirche singen zusammen am 21. Dezember in der Nähe des Anschlagsorts auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Berlin.
Zusammen stehen: Der "Begegnungschor", ein Flüchtlingschor aus Berlin, und der "Everybody Can Sing Chor" der Berliner...Foto: dpa

Am 15. Oktober haben in einer Tagesspiegel-Sonderausgabe geflüchtete Journalisten über ihr Berliner Exil geschrieben. Zwei von ihnen sind heute bei dem Projekt „Amal, Berlin!“ der Evangelischen Journalistenschule. Sie und zwei „Amal“-Kolleginnen schreiben hier über ihre Ansichten und Gedanken nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt.

Deutschland, aufwachen!

Samer Masouh aus Syrien schreibt: Der Anschlag von Montagabend wird große Auswirkungen auf die Politik haben. Er bietet den rechten Parteien einen Vorwand, um Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihre Politik der offenen Türen anzugreifen. Diese Politik hat seit dem Sommer 2015 viele Flüchtlinge nach Deutschland gebracht, und niemand konnte kontrollieren, welche politische und religiöse Überzeugung die Geflüchteten haben und was sie in der Vergangenheit getan haben.

Angela Merkel hat diese Politik bislang gegen alle Anwürfe verteidigt. Nach dem Terroranschlag aber befindet sie sich in der ungemütlichen Position, dass sich die öffentliche Meinung endgültig gegen sie wendet. Es ist absehbar, dass sich die Politik gegen Geflüchtete verschärft, gilt es doch, den Zorn der Bevölkerung zu absorbieren.

Für die Flüchtlinge war Deutschland das Land der Träume, und sie haben ihre Hoffnungen dareingesetzt. Ihre Zukunft liegt hier. Jetzt jedoch schauen sie mit großer Angst auf das, was da auf sie zukommen mag: Hossam, ein Syrer, der seit drei Jahren im Hangar am Flughafen Tempelhof lebt, sagt: „Ich bin vor Gewalt und Terror geflohen, um in Deutschland in Sicherheit zu leben.

Doch der Terror ist nun auch hier – und schlimmer noch: Obwohl wir, so wie die Mehrheit der Flüchtlinge, von den Taten angewidert sind, werden wir verdächtigt. Wir erwarten und fürchten, dass wir die Konsequenzen zu tragen haben.“ Nisreen, eine junge Frau, die vor einem Jahr aus Syrien nach Berlin gekommen ist, ergänzt: „Als ich die Nachricht hörte, habe ich die Türen verschlossen, und ich wäre um nichts in der Welt auf die Straße gegangen. Mein Äußeres und mein arabischer Akzent sind zu offensichtlich. Ich betete, dass es sich um einen Unfall handeln möge oder dass die Täter zumindest keine Flüchtlinge aus Syrien sind.“

Die Geflüchteten fürchten, dass die Regierung die Bestimmungen gegen sie verschärfen wird und sie die Sympathie der Bevölkerung verlieren könnten. Viele haben die großzügige und überschwängliche Hilfsbereitschaft der freiwilligen Helfer in guter Erinnerung. Diese Sympathien haben abgenommen, nachdem mehrere schwere Straftaten von Geflüchteten begangen wurden.

Die Schlussfolgerung kann nur eine echte Wende in der Asylpolitik sein. Menschenrechte und die legitimen Interessen Deutschlands müssen wieder ins Gleichgewicht gebracht werden. Die Deutschen dürfen nicht zu Opfern einer grausamen, rückwärtsgewandten Ideologie werden. Sie haben großzügig ihre Hand ausgestreckt; leider aber auch jenen, die eben diese Ideologie in ihren Köpfen tragen. Es wird Zeit, aufzuwachen. Ein genaueres Hinschauen bei der Einreise nach Deutschland schützt nicht nur die deutsche Gesellschaft; auch die Mehrheit der Geflüchteten profitiert davon. Sie wollen positiv zum Gemeinwohl beitragen und nicht unter Generalverdacht gestellt werden.

Gute Besserung, meine Liebe

Khalid Al Aboud aus Syrien schreibt: „Gute Besserung, meine Liebe“: Ich weiß nicht, was mich dazu brachte, diesen Satz an Berlin auf Facebook zu posten, als ich am Montagabend von dem schrecklichen Anschlag hörte, bei dem mindestens zwölf Menschen zu Tode kamen. Vielleicht, weil Berlin die Arme geöffnet hat und ich mich hier sicher fühlen durfte, als ich mein Land verlassen musste und kein anderes Land mich aufnehmen wollte.

Vielleicht auch, weil ich – als Syrer – weiß, was es bedeutet, wenn eine Stadt ins Visier von Terroristen gerät. Wenn unschuldige Zivilisten auf grausame Art umgebracht werden, weil einem Verbrecher von anderen Verbrechern weisgemacht wurde, dass er dieses Verbrechen begehen muss.

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Flüchtlinge und Berliner singen gegen den Hass
Flüchtlinge und Berliner singen gegen den Hass

Nach all den Anschlägen in der letzten Zeit in Europa macht sich nun auch bei mir die Angst breit. Viele Frage schwirren in meinem Kopf herum: Wie wird sich dieses Verbrechen auf die Gesellschaft auswirken – und auf mich, als Teil dieser Gesellschaft? Soll ich jetzt der Welt beweisen, dass ich nichts mit diesen Taten zu tun habe; insbesondere, wenn sich bestätigen sollte, dass der Angreifer ein Muslim oder sogar ein Araber ist wie ich? Muss ich das tun?

Nach den Angriffen in Paris und Nizza und anderswo haben sich viele meiner Freunde öffentlich distanziert. Ich habe dies immer für falsch gehalten. Es sind kriminelle Taten, und es ist völlig irrelevant, wer sie begangen hat, welche Nationalität und Religion diese Menschen haben. „Terrorismus hat keine Religion und keine Nationalität“, das haben muslimische Freunde immer wieder gesagt. Aber warum sollte ich mich dann von diesem Terrorismus distanzieren, den ich so hasse und der allem widerspricht, woran ich glaube, meinen Werten und Überzeugungen? Einem Terrorismus, mit dem ich nichts zu tun habe? Das sind viele Fragen. Vor allem aber möchte ich den Attentäter fragen: Wie kannst du glauben, dass du das Recht hast, andere Menschen zu töten, die nichts anderes machen, als sich auf Weihnachten zu freuen in dieser schönen Stadt Berlin?

Wenn Misstrauen wächst

Asmaa Yousuf aus Ägypten, schreibt: Ein Berliner Abend, voller Atmosphäre, Weihnachten, schönes mildes Winterwetter. Und dann plötzlich die Nachricht vom Anschlag. Ein pakistanischer Flüchtling wurde als Verdächtiger verhaftet und wieder frei gelassen. Im Führerhaus des Lkw wurde die Leiche eines polnischen Staatsbürgers gefunden. Die Menschen waren schockiert, als sie die Nachricht hörten. Jeder auf seine Weise.

Die Besucher des Weihnachtsmarkts hörten den Knall und hofften, dass es sich nur um die Geräusche einer weiteren Adventsfeier handeln möge. Sie sahen den Lastwagen und beteten, es möge sich um einen Verkehrsunfall handeln. Oder wenn schon um einen Anschlag, dann möge der Terrorist bitte kein Geflüchteter sein. Die Araber hofften, der Täter könne etwas anderes als ein Tunesier oder Syrer sein, und auch die Pakistaner und Afghanen hielten den Atem an in böser Vorahnung. Du wirst verurteilt, auch wenn die anderen für schuldig befunden wurden.

Anschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz
Am 22. Dezember wurden am Breitscheidplatz Betonpoller aufgestellt vom Technischen Hilfswerk.Weitere Bilder anzeigen
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22.12.2016 10:17Am 22. Dezember wurden am Breitscheidplatz Betonpoller aufgestellt vom Technischen Hilfswerk.

Der größte Schaden hier: Die Menschen verlieren ihr Mitgefühl. Statt über die Opfer zu sprechen und ihnen beizustehen, dreht sich alles darum, wo der Täter herkommt und wie sich die Tat auf seine Landsleute in Deutschland auswirken könnte. Schnell setzte dann die Angst vor dem Misstrauen ein, das Menschen mit orientalischen Zügen in solchen Situationen trifft. Du spürst, wie der Zorn des Volkes sich gegen dich richten kann. Oder dass du dich davon anstecken lassen könntest: dass auch du dich dazu hinreißen lassen könntest, dazu aufzurufen, dass Geflüchtete abgeschoben werden und die Einreise von Geflüchteten stärker reglementiert wird. Wie leicht kann man zu einem Rassisten gegen sich selber werden.

Druck und Horror – das ist, was wir gelernt haben, weil wir in einer Gesellschaft leben, die zunehmend von nationalistischen und populistischen Tönen geprägt wird. Wie kommen wir hier heraus? Klar ist, dass es nicht reicht, wenn einige Politiker aufstehen und zu mehr Toleranz und besserem Zusammenleben aufrufen.

Woher ist der Täter?

Sharmila Hashimi aus Afghanistan schreibt: Die afghanische Gemeinschaft der Geflüchteten hat über die Jahre hinweg in Deutschland eine eigene Internet- und Facebook-Kultur entwickelt. Diese ist gestählt von vielen kriminellen Vorfällen und den damit verbundenen öffentlichen Diskussionen. Und auch nach dem Vorfall am Montag zeigte sich ganz schnell, was hier besonders typisch ist: Die Frage nach der Herkunft des Täters dominiert die Diskussion und verdrängt die Anteilnahme und das Mitgefühl für die Opfer, auch wer den Täter geschickt hat und was er mit seiner Tat bezwecken wollte, tritt in den Hintergrund.

Auch die deutschen Medien greifen die Frage nach der Herkunft des Täters auf. Dies wirkt natürlich auf die Gemeinschaft der Geflüchteten zurück – und beeinflusst die Art, wie dort über den Täter diskutiert wird. Wieso beschäftigt es uns so sehr, woher der Täter kommt? Wir wissen doch, dass in der Vorstellung vieler Europäer der Terrorismus mit der islamischen Welt verbunden ist und Flüchtlinge schnell vorverurteilt werden. In der öffentlichen Meinung macht es keinen Unterschied, welche Nationalität der Täter genau hat.

Wieso machen wir uns solche Gedanken? Die Flüchtlinge sind selbst vor Terror geflohen, und sie fürchten, dass die Herkunft der Täter einen Einfluss haben könnte: auf ihre Asylverfahren zum Beispiel oder auf die Art, wie ihnen in der Gesellschaft begegnet wird. Für sie steht noch mehr auf dem Spiel: So fürchten viele, die Sympathien der Öffentlichkeit zu verlieren. Sie haben Angst, dass die Freiwilligen sich von ihnen abwenden und sie dann ganz allein zurückbleiben.

Wir sollten nicht vergessen: Jeder ist nur für die Verbrechen verantwortlich, die er selbst begangen hat. Niemand sollte wegen seiner Herkunft oder seiner Staatsangehörigkeit verurteilt werden. Denkt lieber darüber nach, wie wir solche Taten verhindern können.

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