Nach antiislamischen Tiraden gefeuert : Weder Zensur noch Berufsverbot

Wenn Hochschulen einen Polit-Blogger nach antiislamischen Tiraden als Dozenten feuern, ist das weder Zensur noch Berufsverbot. Es geht um konservative Tugenden. Ein Kommentar.

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Gestörter Frieden. Berlins Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR) hatte einen Dozenten in ihren Reihen, der gegen Muslime agitierte. Das Foto zeigt den Campus in Schöneberg.
Gestörter Frieden. Berlins Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR) hatte einen Dozenten in ihren Reihen, der gegen Muslime...Foto: HWR Berlin

Der Berliner Statistikdozent Wolfgang Hebold ist kurzzeitig der bekannteste Hochschullehrer Deutschlands geworden, weil ihn keine Hochschule mehr beschäftigen will. Der Mathematiker betreibt einen persönlichen Blog, in dem er auf Muslime schimpft – er würde sagen: sie im Rahmen seiner Meinungsfreiheit kritisiert – und gegen die vermeintlichen „Gutmenschen“ zu Felde zieht, die diese Kritik nicht teilen. Inhaltlich ist daran wenig Originelles. Neu sind die Milieus. Wenn aktive Hochschullehrer auf ihren privaten Webseiten gegen Flüchtlinge und Einwanderer hetzen und nichts dabei finden, warum nicht demnächst auch Spitzenbeamte, Manager oder Richter?

Kein Zweifel, dass auch in diesen Verhältnissen Islam- und Ausländerfeindlichkeit ihren Stammtischplatz haben. Aber hier bleiben sie bisher recht verlässlich in der privaten Sphäre. Für Menschen wie Hebold dürfte der Grund dafür in der verhassten „politischen Korrektheit“ liegen, aber das ist nur ein Irrtum unter vielen. Denn noch ist den meisten Leuten in profilierten Jobs klar, dass sie mehr Verantwortung haben als nur die für sich selbst. Das bedeutet, sich mit umstrittenen Ansichten in der Öffentlichkeit zurückzuhalten, um die Institution, die man vertritt, nicht zu beschädigen. Das ist keine Correctness, sondern eine Mischung aus Anstand und Einsicht. Es handelt sich um eine im besten Sinne konservative Tugend, von der man sich wundert, dass sie in Kreisen, in denen früher alles besser war, heute so wenig Anklang findet.

Jeder muss wissen, was er riskiert

Und die Meinungsfreiheit? Ja, die gibt es, und jeder muss selbst wissen, was er riskiert. Das gilt für Freiheiten aller Art. So musste auch die Erzieherin in einem katholischen Kindergarten ihre Kündigung akzeptieren, weil sie in ihrer Freizeit Pornos drehte. Kirche und Pornos, das passt schlecht. Hochschule und Fremdenhass, das haut auch nicht hin.

Menschen wie Hebold müssten es eigentlich berechnen können: Wenn ich meine Studenten auf meine Webseite schicke, damit sie sich Lernmaterial besorgen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie auch meine Pamphlete zur Kenntnis nehmen. Dies plus die Tatsache, dass ich im Unterricht Aufgaben wie etwa jene stelle, Zusammenhänge zwischen Terroranschlägen und muslimischen Bevölkerungsanteilen zu berechnen, potenziert die Gefahr, mir den Vorwurf einzuhandeln, politische Absichten und Arbeit zu vermengen. Die Lügenpresse wird aufmerksam und multipliziert den Fall mit dem Faktor Öffentlichkeit. Im Ergebnis erscheint eine Summe menschlicher Einfalt, die das Geschehen um den Mathematiker bereits leicht tragisch erscheinen lässt. So sieht er sich selbst natürlich nicht. Er sieht sich, ausweislich neuer Blog-Einträge, als Opfer von Dummheit. Er wäre ja auch kein Lehrer, wenn er sich belehren ließe.

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