Nach Ausschreitungen in Kiew : Klitschko plant "Subbotnik" zur Räumung des Maidan

Der Kiewer Bürgermeister Vitali Klitschko wünscht sich eine Räumung der Barrikaden in Kiew – doch die Aktivisten wollen nicht abziehen.

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Der Maidan in Kiew am Freitag, ein Tag nach den Unruhen
Der Maidan in Kiew am Freitag, ein Tag nach den UnruhenFoto: Reuters

Sie stehen noch, bis bis zum heutigen Tage, die Zelte, Bühne und Barrikaden auf dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew. Auch, weil die anfangs friedlichen Proteste mehrfach in Gewalt umschlugen, Tote und Verletze forderten und immer wieder auch gewaltbereite Menschen anzogen. Dabei liegt die Besetzung des Maidan schon neun Monate zurück – aus Protest gegen den damaligen autoritären Präsidenten Viktor Janukowitsch hatten pro-europäische Demonstranten, vor allem Studenten und junge Menschen, den zentralen Platz in der Innenstadt besetzt.
Janukowitsch ist nach Russland geflüchtet, der Schokoladefabrikant Petro Poroschenko, eine Leitfigur der Maidan- Proteste, Präsident geworden. Die Barrikaden – Symbol des Wandels – aber bleiben, vorerst jedenfalls. Eine am Donnerstag von der Stadtverwaltung geplante Räumung schlug fehl. Autoreifen gingen in Flammen auf, Steine und Molotow-Cocktails flogen.
An diesem Freitagvormittag haben die auf dem Platz verbliebenen Protestler, die sich selber Maidan-Aktivisten nennen, Besuch von Bürgermeister Vitali Klitschko bekommen. Obwohl es noch früh am Tag ist, knallt die Sommersonne auf den Asphalt. Als die Zeltbewohner Klitschko bemerken, kommen sie neugierig aus ihren Zelten hervor. Einige Männer sind halbnackt, wirken bereits zu dieser Uhrzeit alkoholisiert. Klitschko, in dunklem Anzug, weißem Hemd, aber ohne Schlips, marschiert an den Unterkünften der Aktivisten vorbei, bis er zwei ihrer Sprecher erblickt. Er begrüßt die beiden jungen Männer, die ihre Haare im typischen Kosaken-Stil tragen, einer Art Irokesenschnitt, mit Handschlag und sagt: „Lasst uns die Sache mal anschauen.“

Die am Donnerstag geplante Räumung des Platzes in der Kiewer Innenstadt schlug fehl. Autoreifen gingen in Flammen auf, Steine und Molotowcocktails flogen
Die am Donnerstag geplante Räumung des Platzes in der Kiewer Innenstadt schlug fehl. Autoreifen gingen in Flammen auf, Steine und...Foto: dpa

Ein Rundgang über den Maidan folgt. Klitschko kommt schnell zur Sache, er fordert die Leute auf, die Fahrbahn der Kretschatik-Straße freizuräumen, damit der Verkehr nach all den langen Monaten endlich wieder durch die Innenstadt fließen kann. Ein Mann, der sich Oleg nennt und im schwarzen, ärmellosen Shirt dicht hinter Klitschko gestanden hatte und sich seine Vorschläge angehört hatte, macht ein ratloses, trauriges Gesicht und sagt: „Wir müssen darüber nachdenken, ob wir die Straße freigeben, aber die Zelte werden auf keinen Fall abgebaut.“
Diese Äußerung umschreibt die Haltung der Aktivisten. Die 200 bis 500 Leute, die noch auf dem Platz campieren, wollen nicht gehen. Als Begründung geben sie an, dass die Forderungen der Maidan-Proteste noch nicht alle erfüllt seien. Bisher sei weder die Korruption ernsthaft bekämpft, noch die Macht der Oligarchen eingeschränkt worden.

Am 24. August begeht die Ukraine ihren Unabhängigkeitstag

Die Mehrheit der Bevölkerung in Kiew und in der Ukraine will, dass die Aktivisten den Platz räumen. Es gibt sogar Stimmen unter denen, die sich im Winter aktiv an den Demonstrationen beteiligt hatten, die sagen, dass die jetzt noch verbliebenen Maidan-Bewohner der Sache eigentlich schaden. Der Maidan, als Projekt der Studenten und der kritischen Mittelschicht gestartet, droht als eine Art Krawall-Zentrum gewaltbereiter, drogensüchtiger Verwirrter zu verkommen, heißt es in sozialen Netzwerken und liberalen Medien, wie etwa der „Kyiv Post“. Die Aktivisten hatten sich an der Verteidigung des Platzes im Januar und Februar beteiligt, als die Polizei massive Gewalt gegen die Demonstranten anwendete und es die ersten Toten gab. Am 22. Februar versuchten Scharfschützen, die Menschen auf dem Platz auseinander zu treiben, innerhalb eines Vormittags wurden fast 100 Menschen erschossen. Als der Krieg in der Ost-Ukraine ausbrach, war es Vitali Klitschko, der die Aktivisten aufforderte, dorthin zu gehen, um das Land zu verteidigen. Mittlerweile ist ein Teil dieser freiwilligen Soldaten wieder in Kiew. Einer von ihnen nennt sich Sascha. Er wirkt, als stände er unter Drogen oder Alkohol, und erzählt, wie sein Kamerad bei einem Kampfeinsatz in der ostukrainischen Stadt Slowjansk verwundet wurde und kein Arzt zu finden war. Stundenlang seien sie mit dem Privatauto eines Bewohners, der sich bereiterklärt hatte, den verwundeten Soldaten ins Krankenhaus zu bringen, durch die Gegend gefahren. Als das Spital endlich erreicht war, verstarb der junge Mann. Leute wie Sascha gibt es auf dem Maidan reihenweise, eigentlich bräuchten sie professionelle Hilfe.
Präsident Poroschenko hatte Bürgermeister Klitschko aufgefordert, den Platz zu räumen. Am 24. August begeht die Ukraine ihren Unabhängigkeitstag, der Präsident plant eine Militärparade im Stadtzentrum. Die Klitschko-Partei Udar („Schlag“) hat für den diesen Samstag zu einem Subbotnik aufgerufen. Bis Freitagabend entfernten Reinigungskräfte und Anwohner bereits einen Teil der Barrikaden und Zelte. In den Staaten des Ostblocks waren solche Freiwilligendienste sehr verbreitet. Bürger beteiligten sich unentgeltlich daran, ihre Nachbarschaft aufzuräumen, Hecken oder Bäume zu schneiden. Parteimitglieder, Unterstützer und Medien sind eingeladen, „auf dem Maidan aufzuräumen, damit die Menschen wieder bequem leben können und der Alltag endlich wieder zurückkehrt“.

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