Nach dem Attentat von Würzburg : "Jetzt zeigt man mit den Fingern auf uns Muslime"

Angriffe wie in Würzburg treffen auch Muslime und sollen zugleich Zwietracht säen - meint der Zentralrat der Muslime in einem Gastkommentar.

Aiman Mazyek
Aiman A. Mazyek, Vorsitzender des Zentralrates der Muslime in Deutschland (ZMD). Foto: dpa
Aiman A. Mazyek, Vorsitzender des Zentralrates der Muslime in Deutschland (ZMD).Foto: dpa

Nach der Würzburger Bluttat sind unsere Gedanken zuerst bei den Verletzten. Wir bitten und beten, dass die Opfer bald vollständig gesund werden, sowohl an Körper als auch an ihren geplagten Seelen. Über die Tathintergründe kann derzeit nur spekuliert werden. Aktuell aber steht fest, dass der Täter erschossen wurde.

Zugleich aber mache mir große Sorgen um die Stimmung in unserem Land. Sie droht zu kippen, und ich befürchte, dass das genau zu den Zielen solcher Attentäter gehört. Ich fürchte sogar ernsthaft, diese Taten sind gar keine Einzeltaten. Aufgereiht wie auf einer Wäscheleine kommen mir diese furchtbaren Nadelstiche ganz und gar nicht mehr einzeln vor. Was ist, wenn sie einem schrecklichen Plan folgen, die Ursprungsbevölkerung in den jeweiligen Ländern wie etwa in Frankreich oder hier bei uns in Deutschland zu spalten? Wenn als Folge solcher feigen Angriffe gelingende Integrationsbemühungen wieder zertrümmert werden sollen?

Denn stets nach solchen Ereignissen erleben die Muslime, dass ihr Glauben sofort unter Generalverdacht gerät. Das war so nach Nizza. Inzwischen weiß man, dass in Nizza ein Drittel der Opfer selber Muslime waren. Und auch jetzt nach Würzburg steht der Muslimische Glaube wieder unter Generalverdacht. Automatisch werden Forderungen laut, die Muslime müssten mehr nach innen wirken, um das Umfeld dieser Attacken auszutrocknen.

Schnell heißt es "Opferrolle" oder "die wollen ablenken"

Das aber geht am Kern des Problems vorbei. Zu Beginn der Flüchtlingswelle 2015 hat der Zentralrat der Muslime in Deutschland große Anstrengungen  bei der Betreuung unbegleiteter jugendlicher Flüchtlinge unternommen. Insbesondere engagierten wir uns bei der Verteilung an Pflegeeltern. Viele intakte und seriöse Familien haben sich bei uns gemeldet.

Wir aber als ZMD sind auf Skepsis, große bürokratische Hürden und nicht selten auf offene Ablehnung gestoßen. So berichtete ein Verwaltungsmann aus der Jugendhilfe bei einer der vielen Info-Veranstaltungen des ZMD vor etwa 70 nicht schlecht staunenden muslimischen Familien, die gerne jugendliche Flüchtlinge aufgenommen hätten, wie kosmopolitisch er doch sei. Allerdings hätte eine Muslima mit Kopftuch dort nichts zu suchen. Das gehe selbst ihm zu weit und verstoße gegen seine Neutralität.

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Wenn wie jetzt in Würzburg etwas Schlimmes passiert, zeigt man mit den Fingern auf uns Muslime. Wenn wir die Politik aber darauf aufmerksam machen, dass nur ein Bruchteil dieser jugendlichen Flüchtlinge in der Betreuung in muslimischer Hand ist, der Großteil aber bei den großen Wohlfahrtsverbänden aufgehoben ist oder eben nicht, heißt es schnell „Opferrolle“ oder „die wollen ablenken“.

Der Kampf um die Köpfe auch der Neuankömmlinge kann nur zusammen mit den muslimischen Institutionen gelingen. Solange aber solche Ereignisse stets nur dazu führen, unnötig wertvolle Zeit mit Lückenfüller-Diskussionen um Kopftuch und Händegruß zu verschwenden, kommen wir als Gesellschaft nicht weiter. Und Terrorristen, Kriminelle und Verirrte sehen weiter ihre Chance, unschuldige Menschen wahllos zu töten und dadurch die Zweitracht in unserer Gesellschaft zu erhöhen.

Aiman Mazyek ist Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland.

 

 

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