Nach dem Putschversuch in der Türkei : Erdogans Zivildiktatur nutzt dem IS

Recep Tayyip Erdogan demütigt das türkische Militär öffentlich. Auch deshalb wird der IS sich jetzt wieder stärker fühlen. Ein Kommentar.

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Präsident Recep Tayyip Erdogan nach dem Putschversuch.
Präsident Recep Tayyip Erdogan nach dem Putschversuch.Foto: dpa

Ganz allmählich wacht der Westen auf. Denn was an der Grenze zwischen Orient und Okzident passiert ist, was an der Grenze zur Europäischen Union geschehen ist, hat bisher ungeahnte Auswirkungen auf den alten Kontinent wie auch auf die Nato. Deren Partner die Türkei ist, die jetzt von einem Mann, Recep Tayyip Erdogan, zu einer Präsidialdiktatur verändert wird.

Vor diesem Hintergrund gewinnen die Entwicklungen in der Türkei noch einmal mehr an Bedeutung. Wie das Erdogan-Regime die Gesellschaft umwälzt, beschämend ungehindert, kann es zur Destabilisierung auch des Westens beitragen. Die öffentliche Demütigung des Militärs durch die Zivildiktatur hat weitreichende Folgen. Im Inneren, das zeigen die Misshandlungen und schrecklichen Gräuel an Soldaten, und nach außen, in Richtung der Terrormiliz „Islamischer Staat“.

Der IS wird angesichts der Bilder und Berichte weiter an Respekt vor der bisher als mächtig angesehenen türkischen Armee verlieren. Die ist zahlenmäßig nach der US- Armee die zweitgrößte der Nato, verfügt über mehr als eine halbe Million Kämpfer und Hunderte von Panzern und Kampfjets. Wenn nur schon der Respekt weicht – um von Angst bei den Islamisten nicht zu reden –, dann erschwert das zusätzlich die ohnehin schwierige militärische Auseinandersetzung der Nato mit diesem Gegner. Der wird sich jetzt wieder stärker fühlen.

Der IS will eine noch radikalere Variante des Erdogan-Modells

Möglicherweise so stark, dass er sogar weiter in die Türkei einsickert, die immer mehr zur islamischen Republik werden soll. Wo Erdogan sich bereits wie ein Sultan aufführt, werden sich die, die ein Kalifat errichten wollen, nicht fürchten, sondern vielmehr angestachelt fühlen, auch dort Ernst zu machen. Angetrieben von dem Gedanken, dass ihre noch radikalere Variante womöglich in einer zunehmend fanatisierten Umgebung Widerhall finden kann.

Diese Bedrohung an einer Flanke, die der Westen geschlossen wähnte, muss von der Nato jetzt mitgedacht werden. Zumal die wirtschaftliche Lage, wenn sie sich wie befürchtet schlecht entwickelt, die Schwierigkeiten noch forcieren kann. Der Internationale Währungsfonds senkt die Wachstumsprognose für die Türkei deutlich, deren Inflationsrate steigt, die Arbeitslosigkeit wächst – ohne die Landwirtschaft liegt sie bei zwölf Prozent –, es wird zunehmend problematisch für junge Leute, eine Stelle zu finden.

Sage nachher niemand, das alles habe doch keiner ahnen können. Die Stunde der Entschiedenheit ist gekommen: Der Westen muss für seine Werte einstehen, für Menschenrechte, Bürgerrechte, Demokratie. Oder er verliert jede Glaubwürdigkeit, nicht zuletzt bei denen, die fanatisch ihre Vorstellungen durchzusetzen bereit sind.

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