Nach dem US-Luftschlag in Syrien : Helfer im Kriegsgebiet - zwischen Hoffnung und Zweifel

Die Welt streitet über die Folgen des Giftgaseinsatzes in der Stadt Chan Scheichun und den US-Raketenbeschuss des syrischen Luftwaffenstützpunkts Schayrat. Wie erleben die Menschen im Kriegsgebiet diese Tage?

von und Torsten Hampel,Anas Khabir
Menschen, die bei dem Chemieeinsatz leicht verletzt wurden, verlassen das Krankenhaus.
Menschen, die bei dem Chemieeinsatz leicht verletzt wurden, verlassen das Krankenhaus.Foto: AFP

Muatia, ein syrischer Student, der am Dienstag nach dem mutmaßlichen Giftgaseinsatz in der von islamistischen Rebellen kontrollierten Kleinstadt Chan Scheichun zum Ort des Einschlags eilte, um den Überlebenden zu helfen, sagt am Telefon: „Ich bin mir absolut sicher, dass es sich um einen Angriff mit Chemiewaffen durch die Armee des syrischen Regimes handelt.“ Muatia – seinen kompletten Namen will er wie andere Befragte nicht preisgegeben wissen – arbeitet als Freiwilliger für die Syrischen Weißhelme, eine zivile Hilfsorganisation, die in den von Oppositionsmilizen beherrschten Landesteilen operiert.

Es sei nicht das erste Mal gewesen, sagt er, dass er die Folgen eines solchen Angriffs sehen musste. Vor zwei Jahren hat es einen Chemiewaffenangriff auf die Stadt Sarmin gegeben, das wie Chan Scheichun in der nordwestlichen, an die Türkei grenzenden Provinz Idlib liegt. Auch dort seien viele Kinder unter den Opfern gewesen. Ein syrischer Arzt hatte damals überlebt und dem UN-Sicherheitsrat auf einer Sitzung in New York darüber berichtet. Von Hubschraubern aus seien Fässer über dem Ort abgeworfen worden. In den Fässern sei höchstwahrscheinlich Chlorgas gewesen. Im Jahr darauf gab es einen weiteren mutmaßlichen Chlorgasangriff auf die Stadt Sarakeb, ebenfalls in der Provinz Idlib gelegen.

Auch Muatia, der Weißhelm-Freiwillige, war in Sarmin. Aus dieser Erfahrung heraus sagt er zum Angriff auf Chan Scheichun: „Es ist absurd, daran zu zweifeln, dass es sich um einen weiteren Angriff durch das Regime handelt.“ In Chan Scheichun ist zwar – anders als in den Orten Sarmin und Sarakeb – mutmaßlich das Gas Sarin zum Einsatz gekommen, doch was die Symptome der Opfer eines Giftgasangriffs anbelangt, kenne er sich aus.

Zum Ende des Telefongesprächs – und bezogen auf die Bombardierung des Luftwaffenstützpunkts Schayrat durch die US-Armee in der Nacht zu Freitag – sagt er noch: „Wenn die USA wirklich etwas machen wollten, dann bräuchten die gar nicht so viel: Eine einzige Rakete würde reichen, um dies alles zu beenden. Eine einzige Bombe auf Baschar al Assad.“

Nützt der US-Schlag beiden Seiten?

Wie überall in Syrien diskutieren die Menschen auch in der namensgleichen Hauptstadt der Provinz Idlib über die Ereignisse der Nacht zu Freitag. Allerdings geht es dabei nicht nur um die Raketenangriffe auf den Luftwaffenstützpunkt. Ihr Thema liegt viel näher. In Marmid Hurma, einem Vorort der Provinzhauptstadt, war am Morgen um vier Uhr eine Rakete eingeschlagen, mutmaßlich abgeschossen von der syrischen Armee. Mindestens zehn Menschen sollen gestorben sein. „Wenn diese Rakete einige Kilometer weiter im Zentrum von Idlib eingeschlagen wäre, dann wäre die Stadt komplett zerstört, und es hätte wohl sehr viele Opfer gegeben“, sagt Ali Khateb, ein Geografiestudent aus Idlib.

Er begrüßt das Bombardement auf den Luftwaffenstützpunkt, sagt aber, dass dies nicht genug sei: „Es gibt noch mindestens 20 weitere Stützpunkte, von denen aus die Flieger aufsteigen und Zivilisten bombardieren.“ Besonders der Flughafen im nahegelegenen Hama sei für die Menschen in Idlib eine große Bedrohung. „Die Flieger, die uns täglich bombardieren, kommen von dort.“ Es sei aber ein erster Schritt in die richtige Richtung: „Immerhin gibt es jetzt überhaupt einmal eine Reaktion aus den USA.“ Tatsächlich, so beschreibt Ali, schöpften die Menschen um ihn herum ein wenig Hoffnung. Vielleicht sei dies der Anfang einer neuen Zeit, in der die USA und der Westen insgesamt nicht mehr wegschauten, sondern endlich dem Regime in Damaskus Einhalt gebieten.

"Es geht Trump nur darum, sich als starker Mann zu präsentieren"

Muawia, ein junger Mann, der für verschiedene Medien aus Idlib berichtet, sieht dies deutlich kritischer: „Das ist doch kein echter Vergeltungsschlag. Es geht Trump nur darum, sich als starker Mann zu präsentieren. Es wurden zuvor die Russen informiert, und es sieht so aus, als wäre dort ein weitgehend leerer Flugplatz getroffen worden. Die Bomber wurden zuvor abgezogen. Es ist eine Propagandaaktion“, sagt er. Muawia vergleicht den Luftschlag mit jenen, die die US-Armee regelmäßig auf Stützpunkte fliegt, an denen IS-Kämpfer vermutet werden: „Da kündigen sie doch auch nicht vorher an, dass sie zuschlagen.“ Der Sinn des Luftschlags sei, dass Washington sein Gesicht retten wolle. Die Botschaft sei, dass Assad jede Waffe benutzen könne, um seine Bevölkerung zu töten, nur keine Chemiewaffen.

Der Luftschlag diene sowohl Trump als auch Assad: „Beider Aktienkurse sind gestiegen“, sagt Muawia. Trump stehe nun da als der Präsident, der endlich einmal Assad zur Rechenschaft gezogen habe. „Assad hingegen konnte sein Image als starker Mann, der Widerstand gegen die USA leistet, auffrischen.“ Muawia sagt aber auch, er habe beobachtet, dass einige Menschen in seiner Umgebung durch den Luftangriff der USA ermutigt wurden, wieder an ihre Zukunft zu glauben. Idlib ist einer der Orte, an denen die Regierungsarmee besonders hart vorgeht. Jeden Tag gebe es Angriffe aus der Luft. Manchmal treffe es einen Vorort oder eines der Dörfer im Umland, manchmal das Zentrum der Stadt. Der Alltag dort sei von Angst geprägt.

Jeden Tag können Bomben fallen - nur wo, wissen die Menschen nicht

Ähnliches berichtet Ayman al Yussuf. Der Pharmazeut arbeitet als medizinischer Koordinator einer Hilfsorganisation für den syrischen Norden. „Besonders seit dem letzten Bombardement leben die Menschen in großer Angst“, sagt der 37-Jährige, der mit seiner Familie in der Region Idlib lebt. Das größte Problem, mit dem sie umgehen müssten, sei der Mangel an Medikamenten. Die Menschen wissen, dass jeden Tag Bomben fallen können, doch sie wissen nicht wo. Gehen sie zum Markt, um einzukaufen, kann es sie treffen. Bleiben sie zu Hause, könnte auch dies tödlich sein. Nach so vielen Jahren den Krieges haben sich die Menschen mit der Situation eingerichtet. Wenn an einem Tag der Markt getroffen wird, so wird er am nächsten Tag zumindest notdürftig wieder aufgebaut, so dass wieder Waren angeboten werden können.

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