Nach den Übergriffen in Köln : Warum habt ihr keinen Respekt?

Um die Frauen geht es in der aufgeheizten Debatte über die Kölner Silvesternacht am wenigsten. Es geht um Macht, ein symbolisches „Gespräch“ unter Männern über Urängste.

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Der Dom ist aus dem Kölner Hauptbahnhof zu sehen. In Köln waren am Silvesterabend nach Polizeiangaben auf dem Platz vor dem Hauptbahnhof zahlreiche Frauen im Getümmel sexuell bedrängt und bestohlen worden.
Der Dom ist aus dem Kölner Hauptbahnhof zu sehen. In Köln waren am Silvesterabend nach Polizeiangaben auf dem Platz vor dem...Foto: Oliver Berg/dpa

Ahmad Mansour ist es schon zwei Tage nach Bekanntwerden der massiven sexuellen Übergriffe auf der Kölner Domplatte aufgefallen. Der israelisch-palästinensische Psychologe und Autor des Buches „Generation Allah“ schrieb auf seiner Facebook-Seite: „Keiner redet über die Opfer, über ihr Leid.“ Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger (SPD) bestätigte seine These am gleichen Tag mit seinem Satz: „Wir nehmen es nicht hin, dass sich nordafrikanische Männergruppen organisieren, um wehrlose Frauen mit dreisten sexuellen Attacken zu erniedrigen.“

Das Geschehen in Köln war ein symbolisches „Gespräch“ unter Männern. Die organisierten Trickdieb-Banden, die offenbar schon lange zum Kölner Hauptbahnhof gehören, bestehen wohl überwiegend aus Nordafrikanern, die schon länger in Deutschland sind – aber offenkundig nicht angekommen sind. Eine echte Perspektive sehen sie für sich nicht, sonst wären sie wohl nicht zu professionellen Dieben geworden. Sie kennen den Grundbestand der Vorurteile in der deutschen Gesellschaft.

Dass sie die Urangst des älteren weißen Mannes – die nehmen uns unsere Frauen weg – auf der Domplatte in der Silvesternacht ausagiert haben, war die größtmögliche Provokation einer Gesellschaft, die sie nicht aufnehmen will. Ob sie mehr geplant hatten als einen Raubzug nach Taschen, Mobiltelefonen und Geldbörsen, wissen nur sie selbst. Aber der Verlauf der Nacht hat genau die Urängste vor potenten, jungen, fremden, „wilden“ Männern geweckt, die nun im Mittelpunkt der Diskussion stehen. Gleich war von „muslimischer Machokultur“ und wie bei Jäger von „wehrlosen Frauen“ die Rede.

Die Frauen waren und sind für beide Männergruppen nur Mittel zum Zweck. Auch wenn Jäger und der rechte Mob, der in den sozialen Netzwerken im Internet tobt, das Bild von deutschen, blonden Frauen vor Augen haben, waren diese ja nicht die einzigen Opfer dieser Nacht. Auch die Töchter aus Einwandererfamilien sind Opfer sexueller Übergriffe geworden. Die betroffenen Frauen versuchen, mit ihren Anzeigen das Heft des Handelns wieder in die Hand zu nehmen und sich von ihrer Ohnmacht zu befreien.

Womöglich sind aber auch Frauen dabei, die gar nicht Opfer geworden sind, sondern aus politischer Überzeugung der Meinung waren, dass die Täter mit Migrationshintergrund oder die Flüchtlinge, die das Chaos auf der Domplatte für sexuelle Übergriffe ausgenutzt haben, abgeschoben gehören. Das hoffen sie womöglich mit einer Anzeige zu beschleunigen.

"Es dominiert das Prinzip Respektlosigkeit"

„Wir sind eine Gesellschaft, die über Lebensstile integriert“, sagt Wolfgang Kaschuba, Direktor des Berliner Instituts für Migrationsforschung (BIM) an der Humboldt-Universität. Die Vielfalt dieser Lebensstile sei groß. In Köln zu Silvester sei auf dem Dom-Vorplatz eine Art „Freistil-Situation“ entstanden, in der die Grenzen zwischen diesen verschiedenen Lebensstilen ausgetestet worden seien. Dort hatten sich diejenigen versammelt, die sich eine besser organisierte Party in einer Kneipe, einem Club nicht leisten konnten, also vor allem junge Männer mit wenig Geld, und die womöglich auch keine Freunde haben, die sie zu einer privaten Party hätten einladen können. „Die wussten nicht, wohin sie sonst hätten gehen können. Und Bahnhofsvorplätze sind seit jeher die Orte, an denen ,Fremde’ zusammenkommen.“

Die Dynamik der Situation auf dem Domplatz war nach Kaschubas Einschätzung gekennzeichnet davon, dass eine „kritische Masse“ zusammengekommen war, die das Provozierende dieser Übergriffigkeit wie in einem Ritual inszeniert hat. Die Trickdiebe hatten eine Situation geschaffen, die „eine gute Gelegenheit zum Grapschen bot“, und das habe womöglich eine Interaktionskette in Gang gesetzt. Hier sei eine größere Gruppe junger Männer „in ein Niemandsland“ abgedrängt worden. „Es fehlte die zivilgesellschaftliche Mischung, die diese Dynamik hätte verhindern können.“

In einer Fankurve im Fußballstadion werde Familien von vornherein geraten, nicht reinzugehen. „Wenn wir No-go-Areas akzeptieren, dann müssen sie auch quasi exterritorial sein“, sagt Kaschuba. Da wisse dann jeder, worauf er sich einlasse. Zu Diebstählen wäre es dort allerdings eher nicht gekommen, „weil die Diebe da nicht rausgekommen wären“. Auf dem Bahnhofsvorplatz konnten sie sich aber jederzeit aus der Situation entfernen – und davonkommen. „Es dominiert das Prinzip Respektlosigkeit – gegenüber den Körpern der Frauen, aber auch was ihre Taschen, Handys und Geldbeutel angeht“, sagt Kaschuba.

"Die Rassisten hassen uns sowieso"

Dass die Ausgeschlossenheit, die die jungen Männer auf Kölner Domplatte dazu verleitet hat, sich nun auch selbst aus der Gesellschaft auszuschließen, nicht zu Straftaten führen muss, zeigt die Reaktion von Musa Okwonga. Er ist Dichter, Sportreporter und arbeitet für den britischen Sender BBC und für den katarischen Sender Al Dschasira. Okwonga lebt in Berlin und fordert in seinem Text über die Kölner Ereignisse Respekt für die Frauen ein.

Niemand zwinge die Männer, ob weiß oder schwarz, zum Sexismus. Eindrucksvoll beschreibt er seine Erfahrungen als schwarzer Mann in Deutschland. In einer vollen S-Bahn stehen Deutsche auf und gehen weg, wenn er sich hinsetzt. „Deutschland hat gefährlich niedrige Erwartungen an schwarze Männer.“ Und weiter: „Die Rassisten in Deutschland hassen uns sowieso.“ Diese sähen in ihnen immer, „Vergewaltiger oder Perverse“. Seine Schlussfolgerung: „Denen sind die Frauen, die in Köln und Hamburg angegriffen wurden egal, außer um zu beweisen, dass wir die Tiere sind, wie sie es sich schon immer gedacht haben, oder hofften, dass wir es sein würden.“

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