Nach der Katastrophe : Krank und ungedankt: Arbeiter von Tschernobyl

Nikolai Issajew war damals in Tschernobyl einer von denen, die den havarierten Reaktor retten sollten – wie die Arbeiter in Fukushima jetzt. Gedankt wurde es ihm schlecht.

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Die Gegend rundum Tschernobly ist immer noch Sperrgebiet.
Die Gegend rundum Tschernobly ist immer noch Sperrgebiet.Foto: dpa

Am 26. April 1986 ist Nikolai Issajew wie jeden Morgen um sechs Uhr in den Bus gestiegen, der ihn aus der Betonstadt Pripjat zu seinem Arbeitsplatz bringen würde. Ins Atomkraftwerk Tschernobyl. Im Bus saßen viele Kollegen und auch ein Spezialist mit einem Messgerät für radioaktive Strahlung. Das Gerät zeigte zwei Röntgen, also sehr viel. Issajew und seine Kollegen dachten, man wolle sich über sie lustig machen. Und nicht nur das war an jenem 26. April anders als sonst.

Pripjat liegt zwei Kilometer vom Kraftwerkskomplex entfernt. Dort waren vier Reaktoren in Betrieb, zwei weitere im Bau. Schon auf halber Strecke sahen die Männer im Bus draußen Soldaten mit Maschinenpistolen. Zunächst wurde ihnen das Betreten des Kraftwerksgeländes verboten. Dann durften sie nach Rücksprache mit ihrem Chef weiterfahren. Und dann sahen sie, dass Block vier ohne Dach war. Was los sei, fragten die Männer im Bus und bekamen „nichts Weltbewegendes“ als Antwort. Dampfdruck habe die Dachplatten verschoben. Das sei alles. Keine Gefahr.

Issajews Messgerät, das er bei der Arbeit zu tragen hatte, signalisierte, dass das nicht stimmen konnte. Es zeigte eine so hohe Radioaktivität, dass die Messskala nicht ausreichte. Als er um 7.45 Uhr seine Schicht antrat, musste sich der Schichtleiter übergeben. Der habe wohl was Schlechtes gegessen, mutmaßten die Männer, doch der Schichtleiter sagte, er habe überhaupt nichts gegessen. Da wurde Issajew und seinen Kollegen seltsam zumute. Sie holten das Handbuch für Notfälle und beschlossen, vorsichtshalber Jodtabletten zu schlucken, obwohl es dafür keine Anweisung gegeben hatte.

Vom Fenster aus sehr er den Reaktor glühen. Rot wie ein Vulkan

Im Rückblick sagt Issajew, dass dem Schichtleiter übel wurde, sei „die Wirkung der Strahlung“ gewesen. Issajew ist heute 56 Jahre alt. Zu einem Treffen in einem fensterlosen Konferenzzimmer in einem Hotel in Kiew hat er ein Papier mitgebracht, auf dem seine Krankheiten und Leiden verzeichnet sind. Es sind viele.

Nikolai Issajew ist in diesen Tagen ein gefragter Gesprächspartner, nicht nur, weil eine Katastrophe Jubiläum hat und er damals dabei war, sondern auch, weil er vielleicht am ehesten eine Ahnung davon vermittelt, wie es den Männern geht und ergehen wird, die derzeit in Fukushima arbeiten, in den havarierten Reaktoren in Japan, die wie damals Tschernobyl der Beherrschbarkeit entglitten sind, die krank machen, sterben lassen – oder lügen.

Bis 18 Uhr arbeitete Issajew am 26. April 1986, machte Überstunden, weil seine Ablösung zwei Stunden Verspätung hatte. Er arbeitete, als wäre nichts. Der Reaktorblock drei, der an den explodierten Block grenzt, lief auf vollen Touren. Und auch die Reaktoren eins und zwei, die ebenfalls wie Zwillingsanlagen gebaut waren, wurden mit voller Leistung betrieben. Aber als Issajew am Abend nach Pripjat zurückkam, sagte er seiner Frau, sie solle die Kinder in ein Zimmer bringen, das vom Reaktor abgewandt liegt, und alle Türen und Fenster schließen. Sie packten auch ein paar Sachen zusammen. Doch die Evakuierung kam erst am nächsten Tag. „Achtung, Achtung! Verehrte Genossen!“, begann der Aufruf der Stadtverwaltung. Am 27. April ab 14 Uhr wurden die rund 50.000 Einwohner von Pripjat mit 1900 Bussen aus der Stadt gebracht. „Zeitweilig“, sagte man ihnen. Aber sie kehrten nie wieder zurück.

Unermesslich. Nikolai Issajew hat alle seine Krankheiten aufgelistet – 1986 war er Ingenieur im Reaktor von Tschernobyl.
Unermesslich. Nikolai Issajew hat alle seine Krankheiten aufgelistet – 1986 war er Ingenieur im Reaktor von Tschernobyl.Foto: dpa

Die Familie Issajew bekam eine Wohnung in einem Neubaugebiet. Auch von dort aus konnte Nikolai seinen Arbeitsplatz sehen. Und als er am Sonntagabend aus dem Fenster schaute, sah er, dass das Kraftwerk rot glühte. „Es sah aus wie ein Vulkan“, erinnert er sich. Und obwohl er ahnte, dass es gefährlich sein würde, ging er am Montagmorgen wieder zur Arbeit.

Es sollte noch mehrere Tage dauern, bis er erfuhr, was sich in der Nacht vom 25. auf den 26. April im Reaktorblock vier des Atomkraftwerks Tschernobyl abgespielt hatte. So wie das ganze Land, die ganze Sowjetunion und auch die ganze Welt nur langsam erfuhr, was los war, wie auch jetzt in Fukushima.

Im Block vier sollte ein Experiment stattfinden. Die Betreiber wollten wissen, ob der Schwung der großen Turbine, über die der heiße Dampf aus dem Reaktor geleitet wurde, um Strom zu produzieren, ausreichen würde, um die Eigenversorgung des Kraftwerks bis zum Anspringen der Notstromdieselaggregate zu gewährleisten. Für das Experiment wurde eine Schnellabschaltung eingeleitet, um einen Stromausfall zu simulieren. Die Sicherheitsstäbe, die zwischen die Röhren geschoben wurden, sollten die Kettenreaktion bremsen. Doch dann geriet alles außer Kontrolle. Um 1.23 Uhr gab es innerhalb von drei Sekunden zwei Explosionen. Der 3000 Tonnen schwere Reaktordeckel wurde abgesprengt. Ein Feuer entzündete sich, das zehn Tage lang brannte und radioaktive Partikel bis zu zwei Kilometer hoch in die Luft schleuderte, so dass die sich in ganz Europa verteilten.

Issajew hat wochenlang weiter im Kernkraftwerk Tschernobyl gearbeitet. Als er eine bedenklich hohe Strahlendosis von 250 Millisievert abbekommen hatte, wurde er zunächst weggeschickt, aber er kam zurück, wie viele seiner Kollegen. „Das war wie ein Krieg. Wir mussten die Heimat retten, so waren wir Sowjetmenschen eben erzogen. Wir waren alle Patrioten“, sagt Issajew heute, gezeichnet von den Folgen seines damaligen Heldenmuts. Und heute vermisst er die Solidarität, die er damals zeigte, bei den anderen. 1991 hörte er im Kraftwerk auf, aus Gesundheitsgründen. Heute kämpft er als Abgeordneter der von ihm gegründeten Tschernobyl-Partei dafür, dass die Liquidatoren weiterhin eine anständige Gesundheitsversorgung bekommen mit Gratis-Medizin. Niemand wolle die Schwerkranken mehr kostenlos behandeln, sagt er. Opfergelder seien nicht voll ausgezahlt worden.

Wer in die Zone will, kommt hin. Aber was oll man dort wollen?

Hanna Sawarodnija will nicht kämpfen. Die 79-Jährige lebt mit ihrer behinderten Schwester in einem kleinen blauen Haus mit einem großen Garten mitten in der Sperrzone um den Reaktor, weil sie es so wollte und will.

Denn eigentlich sollte in der 30-Kilometer-Zone um das Akw niemand mehr leben. Aber schon 1987 kehrte Hanna Sawarodnija in ihr Dorf Kupawate zurück, lebt seitdem 20 Kilometer Luftlinie vom explodierten Reaktor vier entfernt. Wie die 19 anderen Frauen und vier Männer im Dorf hat Hanna Sawarodnija kaum noch Zähne im Mund. Für Besuch macht sie sich fein, aber Besuch ist selten in Kupawate. Kinder dürfen nicht in die Zone, auch Erwachsene brauchen Anmeldung und Genehmigung. Es sei denn, sie tun, was Hanna Sawarodnija im Jahr nach der Katastrophe tat: einen Weg abseits der Straße wählen.

Das ist nicht schwer, die Grenze ist löchrig, ihr Zaun endet jenseits eines Schlagbaums schon bald im Nichts. Doch was soll man schon dort wollen? Was es zu plündern gab, wurde kurz nach der Katastrophe geplündert. In der Arbeitersiedlung Pripjat existiert nahezu keine Inneneinrichtung mehr. Und auch die Autos wurden auf dem schnellsten Weg in den Wirtschaftskreislauf zurückgebracht, Strahlung und Verbote hin oder her.

„Ich fühle kein Strahlung“, sagt Hanna Sawarodnija. Sie überlebte den Super-GAU und kehrte kurz darauf zurück in ihr Dorf mitten im Sperrgebiet. Aus Heimweh.
„Ich fühle kein Strahlung“, sagt Hanna Sawarodnija. Sie überlebte den Super-GAU und kehrte kurz darauf zurück in ihr Dorf mitten...Foto: dpa

Hanna Sarawodnija wurde wie viele aus den Dörfern rund um den Reaktor bei Bauernfamilien in der Nähe von Kiew untergebracht. Die waren nett und hilfsbereit, doch: „Die Heimat ist durch nichts zu ersetzen“, sagt Hanna Sarawodnija, und deshalb ist sie dorthin zurückgegangen. Ohne zu fragen. Von Strahlung will sie nichts hören. „Ich fühle keine Strahlung“, sagt sie, „ich weiß nicht, was das ist.“ Die Rückkehrer werden in der Sperrzone geduldet. Und tatsächlich ist die Strahlung in Kupawate nur leicht erhöht. Was wenig aussagt über den Boden, auf dem Hanna Sarawodnija ihre Zwiebeln und Kartoffeln anbaut. Doch auch davon will sie nichts hören. Sie leide nur darunter, dass sie nur noch so wenige seien im Dorf und alle alt.

Es sind die ersten Tage des Frühlings, wie damals vor 25 Jahren, als der Reaktor vier in Tschernobyl explodierte. Bäume blühen, Vögel zwitschern, im Kraftwerk selbst wird immer noch gewerkelt. 3500 Menschen sind damit beschäftigt, die Stilllegung der Anlagen vorzubereiten, 4000 weitere arbeiten in der Kleinstadt Tschernobyl in der Verwaltung. Oder für Tourismusunternehmen, die in Zukunft Reisende zum Sarkophag geleiten wollen, dem Betonbauwerk, das in den sieben Monaten nach der Katastrophe über der Reaktorruine errichtet wurde.

In unmittelbarer Nähe dazu rattert das Messgerät immer schneller. Der Sarkophag ist sichtlich kein Bauwerk für die Ewigkeit. Er hat Löcher. Wasser dringt ein. Aber er fasziniert. Rund 7000 Menschen haben 2010 die Sperrzone besucht. Im Jubiläumsjahr werden es viel mehr sein, dann kommen auch der ukrainische Präsident Viktor Janukowitsch und der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Ban Ki Moon. Eine Straße wurde deshalb asphaltiert. Und einige Frauen sind damit beschäftigt, die Steine auf der Aussichtsplattform nahe des Sarkophags weiß anzustreichen.

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