Nach Ideenklau : Guttenberg soll auch seinen Lebenslauf geschönt haben

Für Verteidigungsminister Guttenberg wird es enger. Immer neue Plagiatsvorwürfe mischen sich mit Kritik, er habe grundsätzlich oft nach dem Prinzip "Mehr Schein als Sein" gehandelt. Die Opposition fordert Aufklärung.

Abkupfern für den Doktortitel? Verteidigungsminister Guttenberg hat nach mehreren Bundeswehr-Affären ein Problem mehr: Er soll bei seiner Doktorarbeit Texte abgeschrieben haben, ohne das zu kennzeichnen.
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21.02.2011 20:55Abkupfern für den Doktortitel? Verteidigungsminister Guttenberg hat nach mehreren Bundeswehr-Affären ein Problem mehr: Er soll bei...

Berlin - Für Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg wird es enger. In immer neue Plagiatsvorwürfe mischt sich Kritik, er habe grundsätzlich oft nach dem Prinzip „Mehr Schein als Sein“ gehandelt.

Schon als Schüler hatte es Karl-Theodor am humanistischen Ignaz-Günther-Gymnasium in Rosenheim nach eigenen Worten „immer geschafft, mit relativ wenig Aufwand relativ weit zu kommen“, wie ihn die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ zitierte. Dennoch habe der Mann aus dem fränkischen Adelsgeschlecht den Anforderungen der bürgerlichen Leistungsgesellschaft stets besonders gut genügen wollen – und dafür seinen Lebenslauf ein bisschen aufgeblasen.

Aus mehrwöchigen Praktika als Student wurden demnach auf seiner eigenen Internetseite „berufliche Stationen in Frankfurt und New York“. Eine siebenjährige Mitgliedschaft im Aufsichtsrat der Rhön Klinikum AG sollte vor zwei Jahren eine ökonomische Kompetenz des jungen Wirtschaftsministers suggerieren - nach Aussagen von Bekannten habe sie nur auf dem Papier gestanden. Ein mehrwöchiges Praktikum bei der Zeitung „Die Welt“ ist laut „FAS“ in Guttenbergs Lebenslauf zu einer Tätigkeit als „freier Journalist“ geworden. Ein ehemaliger Redakteur der „Welt“, der damals Guttenbergs Vorgesetzter war, wurde mit dem Hinweis zitiert, Guttenberg sei ein sehr guter Praktikant gewesen, aber als Autor nicht aufgefallen. Ein Blick ins Zeitungsarchiv zeige: Acht kleinere Beiträge Guttenbergs über sechs Monate verzeichnet es für die Zeit für Mai bis zum Oktober 2001, vier davon wurden zusammen mit anderen Autoren geschrieben.

Die „Berliner Zeitung“ berichtete, in der Doktorarbeit fänden sich auch Teile einer online verfügbaren Hausarbeit für einen Grundkurs am Otto-Suhr-Institut der FU Berlin. Dabei handele es sich etwa um das zweiseitige Fazit des Studenten.

Verschärfte Kritik der Opposition gab es auch, weil Guttenberg laut „Spiegel“ 2004 beim Wissenschaftlichen Dienst des Bundestages eine Studie zum Gottesbezug in der US-Verfassung in Auftrag gegeben und das Papier beinahe vollständig in seine Dissertation eingefügt haben soll – obwohl Abgeordnete den Dienst nur für mandatsbezogene Arbeit nutzen dürfen. In einer Fußnote werde auf die Ausarbeitung des Dienstes hingewiesen, nicht aber auf ihren Autor Ulrich Tammler. Linken-Chef Klaus Ernst sagte, falls dies zutreffe, sei ein Rücktritt „unausweichlich“. Die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth forderte Bundestagspräsident Norbert Lammert im „Hamburger Abendblatt“ auf, den Vorgang lückenlos aufzuklären. Schon zuvor hatte die SPD den Vorgang kritisiert.

Eigene Parteifreunde gaben Guttenberg Rückendeckung. CSU-Landesgruppenchef Hans-Peter Friedrich nannte die Vorwürfe lächerlich. In seiner Dissertation verweise Guttenberg ausdrücklich darauf, dass er in den folgenden Passagen einen Beitrag des wissenschaftlichen Dienstes verarbeite, den er als Grundlage für eine Rede angefordert habe, sagte er der „Bild am Sonntag“. Unterstützung bekam Guttenberg auch vom CSU-Ehrenvorsitzenden Edmund Stoiber. „Wer ohne Fehler ist, werfe den ersten Stein“, sagte er der „Bild“-Zeitung. Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) sagte dem „Hamburger Abendblatt“, der Minister sei „überzeugend, glaubwürdig und integer“. Sie mahne zu Augenmaß in der Debatte.

SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier forderte den Minister auf, in der Plagiatsaffäre Klarheit zu schaffen. „Guttenberg ist klug genug, um zu wissen, hier ruht die ganze Verantwortung auf ihm selbst“, sagte er der „Welt am Sonntag“. Alle offenen Fragen müsse Guttenberg mit der Universität Bayreuth klären. Die Universität werde selbst Wert darauf legen, dass ihr wissenschaftlicher Ruf nicht in Zweifel gezogen wird. Mit Blick auf Guttenbergs politische Arbeit sagte Steinmeier, der Minister sei wenig standfest. Er staune, dass sich Guttenberg ausgerechnet „Gradlinigkeit“ als Markenzeichen auserwählt habe.

Die Berliner Medieninformatikerin Debora Weber-Wulff sagte, es dränge sich angesichts der Vielzahl der beanstandeten Stellen der Eindruck auf, Guttenberg könne unter „Kryptomnesie“ leiden. Unter dem Begriff (Kryptomnesie ist griechisch und bedeutet vergessene Erinnerung) würden Psychologen folgendes Phänomen verstehen: Menschen glaubten, sie seien tatsächlich Urheber von bestimmten Gedanken, obwohl sie sie woanders geklaut hätten. Das hätten sie dann aber später schlicht verdrängt. Weber-Wulff, Professorin an der Hochschule für Technik und Wirtschaft, befasst sich seit Jahren mit der Frage, wie man Plagiatsfälle bekämpfen kann.

Der Wirtschaftsprofessor Uwe Kamenz von der Fachhochschule Dortmund forderte Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) auf, die Dissertationen aller Bundespolitiker auf Plagiatsindizien testen zu lassen. Er brachte für den Test auch gleich sein eigenes, privates Institut „ProfNet“ in Münster ins Spiel. Das würde für fünf Euro pro Arbeit die geschätzten 1000 Dissertationen aller aktuellen und jemals aktiven Bundespolitiker untersuchen. Allerdings hat sein Institut eher mäßig abgeschnitten, als Weber-Wulff vor einem Jahr die Wirksamkeit zahlreicher Systeme zur Plagiatserkennung prüfte. Eine Sprecherin von Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) sagte am Sonntag auf Anfrage, im Ministerium gebe es „keine Pläne“, die Doktorarbeiten aller Bundespolitiker zu überprüfen.

Für fast drei Viertel der Deutschen sind die Zweifel an der wissenschaftlichen Redlichkeit des Ministers kein Grund für einen Rücktritt. In einer Extraausgabe des ARD Deutschland-Trends verneinten 74 Prozent die Frage, ob er sein Amt aufgeben sollte. Für 22 Prozent der repräsentativ Befragten ist das Maß dagegen voll.AFP/dpa/rtr/tiw/m.m.