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Nach Kölner Urteil : Justiz prüft neuen Fall von Beschneidung

23.08.2012 00:00 Uhrvon und
In Judentum und Islam gehört die Beschneidung zu den religiösen Geboten. Foto: dpaBild vergrößern
In Judentum und Islam gehört die Beschneidung zu den religiösen Geboten. - Foto: dpa

Die deutsche Justiz muss erneut über rituelle Knabenbeschneidung entscheiden. Unterdessen tagt der Ethikrat und will die hitzige Debatte versachlichen – was angesichts konträrer Positionen schwierig werden dürfte. Maram Stern, Vizepräsident des Jüdischen Weltkongresses, kritisiert, die Diskussion sei "ein gefundenes Fressen für viele versteckte Antisemiten".

Die deutsche Justiz muss erneut über rituelle Knabenbeschneidung entscheiden. Die Staatsanwaltschaft Hof prüft derzeit ein Ermittlungsverfahren gegen den jüdischen Geistlichen David Goldberg, der den Eingriff nach eigener Aussage bis zu 30 Mal im Jahr vornimmt. Goldberg will sich auch von dem umstrittenen Urteil des Landgerichts Köln nicht stoppen lassen, das den Eingriff aus religiösen Gründen für strafbar erklärt hatte. In einer Strafanzeige, die dem Tagesspiegel vorliegt, wirft ein hessischer Arzt dem Rabbi Körperverletzung und Misshandlung von Schutzbefohlenen vor.

Er beschneide Kinder ohne ärztliche Zulassung, ohne Betäubung und an medizinisch ungeeigneten Orten. Die Staatsanwaltschaft, der die Anzeige bereits seit Donnerstag vergangener Woche vorliegt, will nun die „strafrechtliche Relevanz“ des Falls untersuchen. Der Arzt streitet antisemitische Motive ab.

Unterdessen kommt an diesem Donnerstag der Deutsche Ethikrat zu seiner nächsten Sitzung zusammen. Routine, möchte man meinen – wäre da nicht das Thema: die „Beschneidung von minderjährigen Jungen aus religiösen Gründen“. Hört man sich bei den Mitgliedern des Gremiums um, wird schnell klar, dass es in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften kontrovers zur Sache gehen könnte. Der Eingriff ist unter den Experten ähnlich umstritten wie in der Öffentlichkeit, nachdem das Landgericht Köln ihn Anfang Mai als strafbare Körperverletzung eingestuft hatte.

In einem Gastbeitrag für den Tagesspiegel hat Maram Stern, Vizepräsident und stellvertretender Generalsekretär des Jüdischen Weltkongresses, kurz vor der Sitzung des Ehtikrats Intoleranz und Antisemitismus in der Beschneidungsdebatte beklagt und eindringlich eine rasche Lösung angemahnt. Stern schreibt, es sei "lebensfremd", die Beschneidung unter Strafe zu stellen. "Juden und Muslime könnten sich überlegen, ob sie auf einen zentralen Punkt ihrer religiösen Identität verzichten, sich bestrafen und sogar einsperren lassen, oder aber auswandern. Ein Verbot der Beschneidung käme für viele de facto einem Verbot der Religionsausübung gleich."

 Stern kritisierte darüber hinaus den bisherigen Verlauf der Debatte. Er sei überrascht von der Rigidität und dem "Eifer derer, die mit Religion gar nichts am Hut haben und doch wie mittelalterliche Inquisitoren auftreten", schreibt er. Die Debatte sei "ein gefundenes Fressen für viele versteckte Antisemiten, denn sie bewegt sich im politisch korrekten Rahmen."

Im Video: Ein Interview mit einem Arzt zum Thema Beschneidung:

Video zum Artikel:
Interview zum Thema BeschneidungVideo abspielen
Berlin  27.07.2012 4:43 MinInterview zum Thema Beschneidung

Für Christiane Woopen, Vorsitzende des Ethikrats, ist die Marschrichtung vor der heutigen Sitzung klar. „Ziel der öffentlichen Veranstaltung ist es, die emotionale Debatte zu versachlichen“, sagt die Leiterin der Forschungsstelle Ethik an der Uniklinik Köln.

Deshalb soll die religiös motivierte Beschneidung aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet werden. Staats- und Verfassungsrechtler kommen ebenso mit Kurzreferaten zu Wort wie Theologen und Mediziner. Und die Betroffenen selbst. Da kommt es zupass, dass sowohl ein Muslim als auch ein Jude dem Ethikrat angehören: Ilhan Ilkilic vom Mainzer Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin und Leo Latasch, ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes der Stadt Frankfurt am Main. Sie sind explizit gebeten worden, ihre Sicht der Dinge darzulegen. Ob die Diskussion der Fachleute in einer gemeinsamen Stellungnahme mündet, ist allerdings noch völlig offen – und fraglich. Denn die Positionen liegen gerade auf juristischer und medizinischer Ebene teilweise weit voneinander entfernt.

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