Nach sieben Jahren : Gustl Mollath hat die Psychiatrie verlassen

Das Oberlandesgericht Nürnberg hat zügig entschieden: Gustl Mollaths Fall wird neu aufgerollt. Zu seiner Geschichte gibt es freilich zwei Versionen - zunächst einmal hat er aber die Psychiatrie verlassen.

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Mollath wird von einem Freund abgeholt - in der Hand hält er eine Topfpflanze.
Mollath wird von einem Freund abgeholt - in der Hand hält er eine Topfpflanze.Foto: dpa

Nach siebeneinhalb Jahren in geschlossenen Anstalten ist nun zwischen dem Vor- und dem Nachmittag dieses heißen Sommertages alles völlig anders für Gustl Mollath. „Er war sehr überrascht und freut sich natürlich sehr“, sagt sein Anwalt Gerhard Strate am Telefon. „Aber er ist nicht ganz glücklich, dass er jetzt so rausgekickt wird.“ Entlassen in Bayreuth aus dem Bezirkskrankenhaus, wie in Bayern die psychiatrischen Anstalten genannt werden – rausgekickt in die Freiheit. Gegen zwölf Uhr kommt die überraschende Nachricht vom Oberlandesgericht Nürnberg, dass das Verfahren gegen den 56-Jährigen neu aufgenommen wird. Er muss in aller Eile seine Zelle räumen. Am Nachmittag erwarten ihn sein alter Schulfreund Gerhard Lindner und andere Unterstützer vor dem Tor der Psychiatrie mit einem Transporter. Am Abend verlässt Mollath dann die Einrichtung - in der Hand eine Topfpflanze.

Mollath war in den vergangenen Monaten zum berühmtesten Psychiatrieinsassen Deutschlands geworden. Nach der Ablehnung der Wiederaufnahmeanträge durch das Landgericht Regensburg hatte man im bayerischen Justizministerium damit gerechnet, dass sich die Nürnberger Kammer ähnlich lange Zeit für eine Entscheidung lassen würde. In Regensburg hatte man vier Monate lang über 113 Seiten Begründungsschrift gebrütet. 20 Strafverteidiger demonstrierten kürzlich gegen dieses Urteil und meinten, es bestehe aus „113 Seiten Unverschämtheit“.

Schwarzgeldverschiebungen, ein Scheidungskrieg, angebliche Gewalttätigkeiten

Ruhig, freundlich und zuvorkommend, klar argumentierend und sehr beherrscht – so wirkte Mollath bei einem Gespräch im Besucherzimmer der Station. Und so wirkte er, als er vom Landtags-Untersuchungsausschuss in eigener Sache gehört wurde und fraktionsübergreifend Anerkennung erhielt. Wie konnte sich sein Fall so ins Monströse steigern, dass sich mittlerweile schon acht Gerichte mit ihm befasst haben? Und: Wer ist Gustl Mollath?

Schwarzgeldverschiebungen, ein Scheidungskrieg, angebliche Gewalttätigkeiten, die Einweisung und der jahrelange Kampf aus der Zelle, auf der Station eingesperrt mit Mördern, Leichenschändern, Pädophilen – das sind die Stoffe des Thrillers. Es gibt zwei Versionen dieser Geschichte: die Mollaths und die der einstigen Vermögensberaterin und heute als Geistheilerin tätigen Petra M., geschiedene Mollath. Lange hatte sie geschwiegen und sich erst kürzlich im „Nordbayerischen Kurier“ geäußert. Es sind zwei Versionen, die gegenteiliger kaum sein könnten, aber beide doch die tatsächlichen Geschehnisse zur Grundlage haben.

Keiner glaubte ihm, keiner prüfte nach

Da sind die Schwarzgeldverschiebungen in die Schweiz, die seine Frau als Angestellte der Nürnberger HypoVereinsbank seit den 1990er Jahren für ihren Kundenstamm zunehmend organisiert und betreut. Hinter dem Rücken der Bank vermittelt sie auch wohlhabende Nürnberger an ein Züricher Konkurrenzinstitut. „Sie wurde immer dreister“, sagt Mollath. Er habe auf sie eingeredet, damit aufzuhören – „ich habe meine Frau geliebt, ich wollte sie schützen“. Doch auch aus dem privaten Faxgerät quollen mitunter meterlang Dokumente zum Zahlungsverkehr und zur diskreten Vermögensverschiebung.

Als die Ehe geschieden war, zeigte Mollath seine Frau an, die Bank und weitere Mitarbeiter. Nannte Namen, Daten, Kontennummern. Schickte die Papiere, gespickt mit vielen Zusätzen und Polemiken, an die Staatsanwaltschaft, die Steuerfahndung, die Bank selbst und an viele Politiker. Keiner glaubte ihm, keiner prüfte nach. „Obwohl die Steuerfahnder hätten springen müssen“, wie Wilhelm Schlötterer meint, ein querköpfiger ehemaliger hoher Finanzbeamter und Mollath-Unterstützer.