Stadtplaner können viel für das nachhaltige Leben tun

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Nachhaltigkeit : Wie man die Menschen zu mehr Genügsamkeit bewegt
Robert Kaltenbrunner

„Alles in Maßen“: Das mag eine schrecklich deutsche Formulierung sein. Und doch bleibt sie sehr richtig. Was wenig mit einem „Lob des Mittelmaßes“ zu tun hat, aber viel mit gesundem Menschenverstand. In die Sphäre des Kulinarischen übertragen könnte sich Suffizienz etwa in Ratschlägen wie diesen artikulieren: „Iss nichts, was deine Großmutter nicht kannte“. Oder: „Misstraue Lebensmitteln mit mehr als fünf Zutaten.“

Wie auch immer: Positiven Beispielen kommt eine eminente Rolle zu. Zwar mag ein Imagewandel hin zu „Askese ist cool“ nicht in Sicht sein. Aber staatliche und kommunale Initiativen können durchaus helfen, Glaubwürdigkeit herzustellen und eine Mobilisierungsgrundlage zu liefern. Die Stadt Zürich hat es demonstriert: Ihre Bürger votierten Ende 2008 bei einer Volksabstimmung mehrheitlich für die „2000-Watt-Gesellschaft“. Dabei handelt es sich um ein energiepolitisches Modell, demzufolge der Energiebedarf eines jeden Bewohners einer durchschnittlichen Leistung von 2000 Watt entsprechen darf. Wie ambitioniert dieses Ziel ist, das man bis 2050 erreicht haben will, zeigt sich im Vergleich: Die Schweiz weist derzeit einen fast dreimal höheren Verbrauch aus.

Warum nicht eine Pflicht, auch Gebäude zu recyclen?

Es nimmt nicht wunder, dass sich die Suffizienz-Debatte besonders auf das Planen, Bauen und Wohnen bezieht. So wurde im Herbst letzten Jahres vom Umweltbundesamtes ein Planspiel lanciert, anhand dessen die Flächeninanspruchnahme reduziert werden soll und den Kommunen entsprechende Anreize gegeben werden sollen. Basis sind Flächenausweisungsrechte in Form von Zertifikaten, die zunächst kostenlos zugeteilt werden. Will die Gemeinde über ein bestimmtes Maß hinaus neue Bauflächen ausweisen, muss sie sie von anderen Kommunen kaufen, die selbst nicht außerhalb ihres Kerns expandieren wollen.

Als einen weiterführenden Aspekt kann man die Rückgabe von Siedlungsfläche ins Spiel bringen. Undenkbar scheint das nicht, zumal im Bergbaurecht diese Konsequenz systematisch verankert ist: Die Renaturierung ausgebeuteter Abbaugebiete ist selbstverständlicher Bestandteil der wirtschaftlichen Betätigung von Bergwerksunternehmen. Auch beim Getränkepfand oder bei der Altautoregelung sind Steuerungsinstrumente etabliert, die vor Jahren noch für abwegig und realitätsuntauglich gehalten wurden. Wäre es nicht ein lohnenswertes Ziel, bei Siedlungsflächen den Weg in die Kreislaufwirtschaft einzuschlagen? Und auch die Wiederverwendbarkeit von Gebäuden und Materialien sollte man als selbstverständliche Produktionsvoraussetzung forcieren: Karl Ganser, der Direktor der IBA Emscher Park, hat bereits vor Jahren eine „Rücknahmeverpflichtung“ für neue Gebäude gefordert; sie müsse schon bei der Baugenehmigung nachgewiesen werden und finanziell abgesichert sein.

So notwendig wie vielversprechend wäre es zudem, Mobilität neu zu denken. Eine möglichst schnelle Raumüberwindung durch beschleunigte Verkehrsmittel gilt nach wie vor als Leitlinie moderner Mobilitätspolitik. Doch die durch Motorisierung und Ausbau der Straßennetze erhöhte individuelle Beweglichkeit hat, wie zahlreiche Untersuchungen ergaben, kaum zur Einsparung von Reisezeit und zu größeren Freiheitsspielräumen geführt, sondern zur Ausdehnung der Entfernungen zwischen den verschiedenen Bereichen des täglichen Lebens.

Je schneller die Transportmittel werden, desto länger werden die alltäglichen Strecken

Das Paradigma der Beschleunigung trägt nicht der Vielfalt tatsächlicher Mobilitätsbedürfnisse Rechnung. Sie wirkt sogar kontraproduktiv, weil die Haltestellendichte und die Erschließung der Fläche rapide abnehmen. Mobilität entsteht durch die Notwendigkeit, alltägliche Aktivitäten im Raum zu koordinieren. Und die Bequemlichkeit für Reisende definiert sich nicht über die Geschwindigkeit des Verkehrsmittels, sondern über die Reisezeit „von Tür zu Tür“. Dabei entspricht die klassische Pendlermobilität, die in der Regel auf den vollzeitbeschäftigten männlichen Arbeitnehmer fokussiert ist, nicht mehr so recht den Erfordernissen. Heute geht es um die Sicherung der Mobilität von Menschen und Gütern bei möglichst niedrigem Energieaufwand. Die Stadt der kurzen Wege heißt: viel stärker auf die Bedürfnisse und Befindlichkeiten von Fußgängern zu achten, bedeutet den Vorrang des Radverkehrs vor dem Autoverkehr, der Schiene vor dem Straßen- und Luftverkehr. Trotz innovativer Car-Sharing-Konzepte dürfte das Auto dabei kaum mehr an erster Stelle stehen.

Die eigentliche Herausforderung aber liegt im Mentalen; in vielen Sektoren braucht es eine andere Herangehensweise. Hier ließe sich auf das Bild vom Gärtner – im Unterschied zum Handwerker – rekurrieren, das der Ökonom Friedrich August von Hayek in seiner Nobelpreisrede 1974 bemühte: „Wenn der Mensch in seinem Bemühen, die Gesellschaftsordnung zu verbessern, nicht mehr Schaden stiften soll als Nutzen, wird er lernen müssen, dass er in diesem Gebiet nicht volles Wissen erwerben kann, das die Beherrschung des Geschehens möglich machen würde. Er wird daher dieses Wissen nicht dazu verwenden dürfen, um die Ergebnisse zu formen, wie der Handwerker sein Werk formt, sondern sein Wachsen kultivieren, indem er die geeignete Umgebung schafft, wie es der Gärtner für seine Pflanzen macht. Die Erkenntnis der unüberschreitbaren Grenze seines Wissens sollte den Forscher auf dem Gebiet der Gesellschaft eine Demut lehren, die ihn davor bewahrt, ein Mitschuldiger in des Menschen unglückseligem Streben nach Beherrschung der Gesellschaft zu werden.“

Ob Suffizienz zum Leitbild taugt, bleibt freilich offen. Gegen das Motto „nutzen satt verbrauchen“, gegen eine ressourcenschonende Verhaltensweise ist nichts einzuwenden. Strittig ist vielmehr die Frage, ob es sich um eine selbstverantwortete Maxime handelt oder um eine von oben verordnete. Aber wenn es stimmt, dass Kultur aus der Reibung unterschiedlicher Interessen, Traditionen und Ideen entsteht, dann sollten an dieser Stelle ruhig weiter die Funken fliegen.

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